2 radweg zeichen

Eins der besten Dinge am Single-Dasein ist die uneingeschränkte Freiheit, die im spontanen Entschluss liegt. Denn ungeachtet aller Probleme letztlich doch noch die Einladung zur BikePackingTour 2021 anzunehmen, blieb letzten Endes ein impulsiver Entschluss. Mit dabei im Gepäck waren diverse Ängste in unterschiedlicher Verpackung, ganz oben drauf nur wenige Trainingskilometer und eher bescheidene Grundkondition, alles festgezurrt mit großem Willen und der Extra-Portion "jetzt erst recht!".

Ein nicht minder wichtiger Vorteil in meinem Leben ist es, mich niemandem erklären zu müssen, wenn zum Beispiel „gemeinsam verreisen mit dem Rad in Begleitung eines quasi-brüderlichen Freundes“ auf dem Plan steht. Heuer sollte es weniger spontan ablaufen, mit dem Fahrtwind des Vorjahres schmiedeten Rad-Buddy Walter und ich schon früh im Jahr Pläne zu einer Fortsetzung, zumal wir uns im Vorjahr doch immer wieder zsamgstritten hatten. Die Südkurve außenrum wollten wir in Angriff nehmen, nach den vorjährigen Grenzerkundigungen an Österreichs Nordrand. Dabei hatte ich schon zu Jahresbeginn mit den regelmäßigen Ausfahrten beginnen wollen, um dann im Sommer dank solider Grundkondition gut über die Bergwertungen zu kommen. Alles eine Frage der Einstellung, vergewisserte ich mir damals in krampfhaftem Versuch zur Selbstmotivation, als wiederholter Pandemie-Lockdown in den kühlen Monaten zum verordneten Rückzug zwang. Ein „bissl Radfahren“ sollte Abwechslung schaffen, vor allem helfen, das Denken und Sorgen-machen zu unterbrechen… die ideale Fluchtmöglichkeit für gelegentliches Raus aus gefühlter Einzelhaft! Es blieb bei einem Versuch, der in lustvollem Scheitern enden sollte…

Fehlstart

…an diesem Februartag: Nase rümpfend zog ich alle Reißverschlüsse an allen Trikots bis über's Kinn, missmutig weil vergeblich scannten meine Augen das Zimmerlurch-graue Firmament nach himmelblauem Licht. Die Monate mit 1 und 2 in ihrer lichtarmen Ordnungszahl zählen eindeutig nicht zu meinen aktiven Perioden, denn das Reptil in mir braucht stimmungserhellende Sonne, die mich aus der Starre bugsiert. In meinem innersten R-Komplex feiste die kleine Drachenstimme „Schwing die Hufe, Berta!“. Immerhin steckten diese Hufe erstmals in Neopren-Überschuhen, die ich mir extra für die Nicht-Rad-Saison geleistet habe, um mich an den nicht allzu kalten Wintertagen auf das Rennrad schwingen zu können und zu wollen. Soviel zur Theorie, auf der die Praxis meiner Ausfahrt bei fünf Grad plus fußte. Buchstäblich übrigens, denn die Produkt-Info „spezielle Thermo-Isolierung“ erreichte meine Füße nicht wirklich, ungeachtet eines spezifizierten Zwiebellooks. Die Zusatzschicht Wintersocken über den "normalen" in aufgerüsteten Schuhen mit dünnen Alu-Einlagen innen und den Kälte-Nässe-Verhüterli drüber blieb wirkungslos, meine Zehen verwandelten sich schon auf den ersten Kilometern in Eislutscher. Wenig später spürte ich meine unteren Extremitäten als Briketts an den Pedalen, die Finger in den extradicken Lobster-Fäustlingen hatten keine Lust mehr auf Durchblutung. An der Einfahrt zum Donaukanal gab ich Handzeichen zum Abbiegen nach links, also Richtung Steinitzsteg, um auf der Donauinsel noch ein paar Kilometer abzuspulen… im letzten Moment entschied ich mich für das andere Links und kehrte um.

Saison-Fehler

Mit eingezogenem Kopf und klammen Fingern zitterte ich wenig später den Schlüssel ins Torschloss. Geschmeidig wie Herman Munster stampfte ich durch den Hof, trug Pierre (mein Rennrad) wieder ins Warme und mir nichts nach. Nach dem Auftauen unter der Dusche widmete ich mich bei dampfendem Kaffee wieder der Theorie und begann das Zellophan von jüngst erworbener Fachliteratur zu lösen. Sie wird mir das „richtige Radtraining“ – so der Hinweis auf der Rückseite – nahe bringen, vorausgesetzt, dass ich es überhaupt je fertig lesen werde. Auf allen Praxisebenen meines Lebens bin ich ja mehr der trial-and-error-Typ, auf gut Deutsch: Ich lasse mir selten was sagen (wie nicht nur mein Patchwork-CV vermuten lässt). Wissend, dass Sport zugleich Genuss bedeutet, habe ich eine ganz persönliche Formel für mein Rad-Vergnügen entwickelt: Anregende Er-Fahr-ungen in schweißtreibenden Stunden mutieren zu powervoller Ermüdung, die meine Alchemie in kraftspendende Lebenslust umwandelt, sodass ich mich wirklichwirklichwirklich spüren kann. Damit ist freilich mehr gemeint, als nur das Wackeln der Zehen in meinen Schuhen oder die Greifbewegungen meiner Hände!
Und weil mir Ausdauer üben vertraut, Geduld aber meist fremd ist, reiße ich an der dünnen Verpackungshülle, die mit einem Ruck nachgibt. Das Buch gleitet aus der Hand, es prallt in flacher Flugbahn seitlich auf den fragil aufgestapelten Buch-Magazine-Zettel-Turm am unteren Ende der Couch und bringt diesen zum Einsturz, ein großformatiger Bildband landet vor meinen Füßen. Mit zärtlich-verklärtem „Ouohhh!“, jenem verklärten Ausdruck der Freude, mit dem ich üblicherweise auf den Anblick eines Welpen oder den Genuss eines speziellen Brunello-Jahrgangs reagiere, hebe ich das seit zwei Tagen verschollen geglaubte Fotobuch vorsichtig auf.

Muscle-etc Memories

Die Erinnerung an heiße Sommertage und naß geschwitzte Trikots, an schweiß-klebrigen Rücken und staubdreckige Beine wird wach. Mit sentimentalem Lächeln sank ich auf die Couch, knotzte mich gemütlich in die Polster und widmete mich den Fotostrecken. Der Bilder-Band ist ein Geschenk von Walter, nicht nur ein lieber Freund sondern auch mein Rad-Buddy bei den sommerlichen BikePacking-Touren 2020 (und sollte es auch wieder 2021 sein). Von ihm stammt die Corona-bedingte Idee zu „Österreich Außenrum“, er übernahm Planungen und begab sich auf Routensuche als überaus penibler Pfad-Finder ganz-nah-entlang der Staatsgrenze… (mehr dazu in der jeweiligen Etappen-Rückschau und den diskursiven Interpretationen zu Route und Wanderweg, Radpiste und MTB-Trail, Asphalt und Straßenbelag…).
Spurensucher Walter hatte also im heurigen Frühjahr alles Mögliche an Fotomaterial von der vorjährigen Tour zusammengetragen – weil man ja die Handy-Fotos so selten durchblättert! – und für mich dieses ganz persönliche Erinnerungsbuch zusammengestellt. „Definitiv kein digital native!“ schmunzelte ich in mich hinein und freute mich immer noch wie eine Schneekönigin über den Bildband. Mit lustvollem Grinsen, das sich in meinen Mundwinkeln sonst nur beim Lesen von Weinempfehlungen in handgeschriebenen Speisekarten eingraviert, las ich den Titel: Österreich außenrum 2020.

Just do it

Ich dachte zurück an den Juli im vergangenen Jahr, als Virus- und Impfgegnerschaften-Hysterie verhältnismäßig wenige Ausläufer entwickelt hatten. Und ich mich noch in zweckoptimistischer Selbstsuggestion suhlte, dass es in kurzer Zeit wieder richtig und normal los gehen würde, so mit „der Wirtschaft“, der Arbeit und den Aufträgen, überhaupt der Aquise in meinem noch jungen EPU… rasch folgten den Aufschüben erste Absagen. Fazit: An der sommerlichen Bürofront Mitte Juli 2020 war nicht viel zu verpassen gewesen außer beratungsresistente Kundinnen und Kunden sowie Lebenszeit!
Kurzerhand mutierte ich zur BikePackerin, Flexibilität praktizieren schadet nie. Ende Juli 2020 fuhren wir los zum Prolog Richtung slowakische Grenze, nächtigten in der Nähe von Schloß Hof, wenige Kilometer außerhalb von Bratislava, in Devinska Nova Ves. Die erste Etappe führte nach Norden durch die March-Thaya-Auen, weiter ging es unter anderem am Iron Curtain Trail, einfach immer westwärts… letztlich war ich bis Innsbruck gekommen, musste aber früher nach Hause zurück (weil ich keinesfalls die Hochzeit meiner Nichte verpassen wollte!). Nach zehn Tagen voller Überraschungen und rund 1.200 abenteuerlustigen Rad-Kilometern war ich in den Zug nach Wien gestiegen, beglückt darüber, die für mich gültige Art zeitgemäßen Reisens gefunden zu haben.

Herzenssache

Seufzend legte ich das Buch zur Seite, ging hinaus ins Vorhaus und blickte melancholisch zum Rennrad, drückte die längst weichen Reifen. Genau drei Ausfahrten hatte ich in den vergangenen drei Monaten gewagt, nachdem meine Ärztin eine (neuerliche!) Operation in Aussicht gestellt hatte. Sie blieb vage, vorbereitend, nichts Fixes… aber mein Kopfkino lief in den vergangenen Wochen auf vollen Touren: War es viel Lärm um Nichts? Ich, gerade ICH sollte plötzlich eine Herz-Patientin sein? Schlaganfall-gefährdet? Pah! Ich erinnere das Wechelbad von Wut und Enttäuschung, Antriebslosigkeit und Verzagtheit, Versuche des Relativierens… Ist das Setzen von Stants heutzutage nicht schon Routine, vergleichbar einer Wurzelbehandlung?
Der Gedanken-Projektor lief wochenlang auf Hochtouren, surrend, immer lauter, vor allem nachts, mein eigener Film in Endlosschleife… während ich mich im außen gutgelaunt zeigte, mit Sprüchen wie „wenn du mit einem Oldtimer in die Werkstatt fährst, wird schon irgendeine Reparatur fällig!“. Innerlich war ich im „bessere Blutwerte abwarten“-Modus regelrecht erstarrt. Ich empfand es als tiefe Niederlage und als persönliches Versagen, dass mir das gesund sein einfach nicht und nicht gelingen will. Wie das Kaninchen vor der Schlange blieb ich hypnotisch sitzen vor Befunden und in Arztpraxen, folgte widerwillig allen Ultraschall-, CT-Untersuchungen und sonstigen Checks, hielt mich tatsächlich an die Medikamenteneinnahmen (also zumindest meistens, wenn ich nicht grad vergessen hatte…), erging mich in Selbstexperimenten zu allen möglichen Ernährungsvarianten.
Und: Ich traute mich von einem Tag auf den anderen nicht mehr in sportlicher Absicht aufs Rad, übte (wenn überhaupt) nur noch sanfte Yoga- und Gymnastikvarianten (gähn!), lauschte ständig nach Herzschlag, Atem, spürte diversem Druckgefühl nach, wurde immer träger, lustloser, verzagter, begann mich in der Isolation des Corona-Lockdowns und der Vogelfütterung zu verlieren.

Aufrichtung

prolog verzagter arsch 300

Als endlich wieder Fremdkontakt erlaubt war, lieferte mein gut gereifter Studienkollege Toni den Ausschlag zum Umdenken, indem er mir Fakten aus seiner beruflichen Vergangenheit (in der Pharmaindustrie) servierte. Ohne den großen Segen zeitgemäßer, medizinischer Rundumversorgung klein zu reden wies er parallel auf deren inhärente Geldmaschinerie durch Verschreibung und Zuweisung hin; ein Selbstläufer, der durch zig Untersuchungen und Behandlungsmethoden aufrechterhalten wird.
„Du meinst, so wie es Zielgruppen-spezifische Weiterbildungsförderungen gibt, die lediglich als staatliche Umweg-Finanzierung von Kursinstituten und zur Arbeitsplatzsicherung in Beratungsagenturen dienen?“ frage ich mit einem Beispiel aus meinem Metier. Er nickt, resolutes „Genau!“ und ergänzt bestimmt: „Sei doch ned so ungschickt…“ – „Du meinst deppert?“ – „Jo! Lass dich nicht narrisch krank machen! Das heißt nicht, dass du alle Warnungen über Bord werfen darfst, aber…“ Genau das brauchte ich, einen, der Tacheles redet, er nannte Vieles beim Namen und sprach direkt an, was tief in mir schlummerte: z'Tod gefürchtet, ist auch tot.
Das gesamte Frühjahr hatte ich in Angst und Unsicherheit verbracht, alles an Instinkt und innerer Stimme abgedreht, vor allem meine Lebenskraft auf kleinste Flamme reduziert und die Fähigkeit zur Resilienz auf Stand-by gesetzt. Wo blieb meine Selbstverantwortung, seit wann delegierte ich Gesundheit „nach außen“? Ein Blick in den Spiegel und ich sah mein fahles Antlitz, die traurigen Hängebacken und faltigen Augenringe… das ist angewandtes Altern, ok. Aber wenn schon Zeiterscheinung, dann wollte ich wenigstens gutgelaunte Züge und neugier-blitzenden Blick im faltigen Gesicht wiederfinden!

 ngnm imspiegel

Gesagt, getan! Den Wunsch nach neuem Anstrich kompensierte ich für's Erste in einer Rundum-Renovierung meiner Wohnung, mangels ausreichender Vorlaufzeit erst einmal im Alleingang, bis mich nach einer Woche massive Rückenschmerzen (die ich anfangs natürlich ignoriert hatte) und letztlich ein deftiger Hexenschuss (ja, ja, ja…Selbstverletzung) buchstäblich auf den Boden der Tatsachen zurückholten. Und während ich nach einer Stunde Bewegungsunfähigkeit schließlich zunehmend entspannter auf meiner Yoga-Matte liegen konnte und auf die frisch geweißelte Decke starrte, reifte der Gedanke in mir, dass nur wirkliches „Aufsitzen“ mich wieder herstellen wird. Ich tastete nach dem Handy, tippte ein kurzes „Bin dabei!“ und begann mich aus dem klammen Griff meines Gesundheitszustands zu befreien: Erst aus der Blockade im unteren Rücken, vor allem aus jener am oberen Ende meiner Halswirbelsäule, sprich ich rückte mir mental selbst den Kopf zurecht.

Pünktlich zum Ferienbeginn 2021 machte ich mich auf zu den diesjährigen Grenzerfahrungen „Österreich außenrum, Süd“ – dank und mit erprobtem Rad-Buddy Walter (abschnittsweise waren heuer seine beiden Töchter mit von der Partie). Gleich vorweg: Unsere Freundschaft hat auch diese heurige BikePackingTour überstanden, sodass wir noch viele Male einen Treffpunkt "bei der Kirche in xy" vereinbaren werden. Zum Prolog zu "Österreich außenrum, Süd, 2021", der uns wieder nach Devinska Nova Ves führte, trafen wir einander bei der Franziskanerkirche im ersten Bezirk in Wien.