An meinem nachhaltigsten Rad-Arbeitsweg laboriere ich immer noch, nachdem es mich auf der Rampe zum Donaukanal so richtig zerbröselt hatte und ich schlussendlich mit Kopf, Kinn und Brustbein bremste.

Drum merke: Mit allen Sinnen im Körper und in seiner Achtsamkeit sein, wenn man während der Rush hour unterwegs zur Arbeit ist, ist der Gesundheit förderlich. Während mein Herz eng umschlungen mit der Aufmerksamkeit im Kopfkino war, verschlägt's auch schon den Lenker und ich habe auf dem Bergab-Weg zwar keinen Zahn zugelegt, aber im nächsten Moment an Ort und Stelle ein paar Zähne abgelegt, buchstäblich. [Eine laudatio auf meinen Zahnarzt Dr. Peter Gross, der liebste, beste, „zärtlichste“, leidensfähigste, geduldigste… dottore ever!]

Gerade vom Rad geköpfelt, lerne ich eine fürsorglich-verzagte Radpassantin und einen ebenso nervösen Ersthelfer kennen, der mir seine Jacke unter den blutenden Kopf schiebt, sich bei mir entschuldigt, dass sein Deutsch so schlecht sei und er mich auf Englisch interviewen müsse. Er fragt mich nach Angehörigen, ich nenne meine Kinder, er will wissen wie alt die sind, ich fange die Aufzählung mit „der Großen“ an, die junge Frau starrt entsetzt in mein Gesicht und japst: „Was? Sie haben eine 34jährige Tochter? Ich hab beim Rettungsnotruf angegeben, dass die Verunfallte so um die vierzig Jahre alt wäre!“ Ich lache auf, schnippe mit den gesunden Fingern eine Bestellung in die Luft und röchle „Champagner!“

„Wie soll ich mich jetzt im Büro waschen und umziehen?“ sage ich beim Aufsetzen, den Hinweis „Rettung kommt gleich!“ überhörend. Wegen ein bissl bluten fahr ich doch nicht ins Krankenhaus… F***, das Blut aus meinem Mund tropft auf die neue Radlhose, das muss ich dann gleich mit kaltem Wasser auswaschen, und das Trikot auch; so eine Sauerei, hab ich überhaupt noch Waschmittel daheim, das Supergrün-Umweltfreundliche derpackt das hoffentlich, ich werde sicherheitshalber noch ein Spezial-Fleckenmittel kaufen, darf ich nicht vergessen, wenn ich nachher ins Büro komme gleich einen Zettel schreiben, ach ja das Protokoll muss ich auch noch ausdrucken und die eine Rechnung in die Buchhaltung bringen, Kaffeemaschine haben wir immer noch keine, geht mir das auf die Nerven… meine Nerven glühen, ich reiss mich zsamm.

Meine Gedanken rasen, ich werde zornig, beginne auf mich ein zu schimpfen „wie deppert kann man sein“ und gleichzeitig suche ich nach einer Konzentrationsübung, die mir helfen soll, die Zeit zurück zu drehen, eh nur zehn Minuten, nur zu dem Moment an dem ich auf den Radweg einbiege… Ein „Täglich grüßt das Murmeltier“-Effekt im hier und jetzt, ich sehe mein Leben als Tauchgang in Korrekturflüssigkeit.

Der Sanitäter schaut mir konzentriert in die Augen und geht auf meine Frage „Mein Rad, was ist mit meinem Rad?“ insofern nicht ein, als er mit einer Gegenfrage antwortet: „Haben's jetzt wirklich keine anderen Sorgen?“ Das Rad liegt ein Stück weiter weg, wie achtlos liegen gelassen mitten auf der Fahrbahn. Warum sollte ich mein Rad nicht selbst… „wir fahren ins AKH, da ist die beste Kiefer- und Zahnambulanz!“ informiert mich Sanitäter eins, während ich auf die Trage rutsche. Wie? Warum Krankenhaus, das ist doch übertrieben, das geht schon so… die junge Erste-Hilfe-Frau stellt meinen Rucksack auf die Bahre. Ich versuche ihr zu danken, spüre meine Lippen nicht mehr, ich sabbere Spucke und Blut, sie nimmt meine gesunde Hand zum Abschied und murmelt, ein wenig nach Fassung ringend: „Nein, nein… Ihr Mund! Alles Gute!“

Die Stadt zieht rückwärts vorbei. Gegen die Fahrtrichtung, na super, hoffentlich wird mir nicht schlecht und ich kotz denen noch ins Rettungsauto… alles schon so peinlich genug… ich knete mein Handtuch, das ich in der Tiefe des Rucksacks gefunden habe, tupfe vorsichtig über Kinn, Hand, Brustbein; wollte abends zum Schwimmen in die Lobau. Wie war das noch mit dem time-shifting? Und warum ist Zeit als Konzept grad jetzt so verdammt linear? Zwanzig Minuten zurück, bitte. Bitte zurückspulen.
„…Angehörige verständigen?“ schnappe ich auf. Ich fingere nach dem Handy, tauche meine gesunde Hand in den Rucksack, gleichzeitig geht mir ein Licht auf in Form eines gleissenden Standbilds: Aufladegerät + Handy = Nachtkastl. Verdammt, wieder einmal daheim vergessen; damit habe ich keine Telefonnummern parat und die einzige, die mir einfällt, ist die Büro-Kundennummer. Der freundliche Herr Sanitäter reicht mir lächelnd sein Smartphone.

Meine Bürokollegin fragt nicht lange, versteht, handelt. Gleich darauf hat sie alles erledigt, samt Eintrag in meinem Facebook-Profil, dass ich ok bin, aber eben Handy-los unterwegs, ergo nicht erreichbar; sie verständigt meine Große in Deutschland, versucht meinen Sohn zu erreichen, telefoniert mit dem „Ziehsohn“. Na wunderbar, das Drama hat uns wieder.
[Eine Kollegin mit Freundin-Qualität zu haben, ist sehr fein – danke Sandra! Unsere Notfall-Liste hat sich bewährt, die aktuelle Sohn-Telefonnummer hab ich mittlerweile auch ergänzt…]

Lebenszeit in Form von Spital-Wartezeit habe ich schon genug abgesessen ohne über Selbst- oder Fremdtötung zu sinnieren. Auch bin ich im Laufe meines Lebens zur Meinung gelangt, dass es noch andere Orte gibt, die das Zeug zur Vorhölle haben, die SCS ist eine, IKEA am Samstag, Musical-Vorstellungen sowieso, „Danke Erwin & Raiffeisen“-Festivitäten in der Heimat auch. Einen unangefochtenen Spitzenplatz in meinem persönlichen Ranking nehmen ab sofort jedoch AKH-Ambulanzen ein.
Die – nochmals zu betonen! – überaus zuvorkommend freundlichen Sanitäter (Dank an Samariterbund!) haben mich, weil blutend und „unter leichtem Schock“ stehend schnellstens zur Erstversorgung im AKH abgeliefert. Dort bleibt es mir unbenommen die folgende Stunde zu nutzen, um völlig ungestört verschiedene Lagerungspositionen auf dem dürren Spital-Bett auszuprobieren und meinen Körper zu erfahren, wie er sich aus der Schock-Umarmung befreit. Die linke Hand schwillt auf die Größe eines Baseball-Handschuhs an, ich kann meine Finger nicht mehr abbiegen, sie kaum bewegen, die Abschürfungen brennen, an der Hand-Innenseite fehlt am unteren Ballen ein Stückerl Fleisch… na bravo. Mein Schädel brummt, Diverses schmerzt vor sich hin, mir ist jetzt richtig schlecht, von einem vorbei schlürfenden „White Walker“ erbettle ich ein Speib-Nierndl (übrigens aus Recycling-Material gefertigt, so der Vermerk auf der Rückseite – ja, ist so, wenn ich unrund laufe, lese ich alles, was mir in die Hände fällt, so sammle und horte ich nebenbei unnützes Wissen). Hab ich schon gesagt, dass ich vor allem Wut auf mich selbst habe?

Ich starre ein altes Ehepaar an. Wie Meisen während eines Sommerregens auf einem Zweiglein im Strauch zusammengekauert, ducken sich die beiden in die Schalen der Plastiksessel. Sie hat sich offenbar an der Hand verletzt, er redet auf sie ein, sie ist verzagt, er legt den Arm um sie, sie lässt den Kopf an seine Schulter sinken, er busselt kurz auf ihre Stirn. Jetzt fängt er meinen Blick auf, sieht meine Tränen und missversteht: „Das wird schon, die Wunden heilen schnell, sie sind ja noch jung!“ Ich nicke ihm zu, wische im außen und sperre das brüllende Innere routiniert weg.

Der Röntgen-Marathon in verschiedenen Abteilungen beginnt, zwischen zwei Etappen eilt mein syrischer („Zieh-“)Sohn an meine Seite. Gemäß Pantone-Fächer analysiere ich seine Gesichtsfarbe auf fünfundachtzig Prozent Weiß gemischt mit einem Rest aus Gelb und Blau. Ich biete ihm mein Bett an, schreibe in Gedanken den Zusatz zu seinen Kontaktdaten auf der Notfall-Liste „nicht bei Akut-Wundversorgung anrufen“. Heldenhaft bleibt er auf den Beinen und an meiner Seite, wartet bei den diversen Untersuchungsstationen und speichert die jeweils neuen Erkenntnisse, gibt sie weiter per SMS an Menschen, die sich um mich sorgen.
Nein, weder Kiefer noch Hand noch Brustbein noch irgendwas sonst ist gebrochen, alles nur geprellt, leichte Gehirn-Erschütterung… halb so schlimm. Dann kommt Spritzen-Betäubung in allen Kiefergegenden, Zähne, die sich in selbigen verstecken, werden wieder an den ursprünglichen Platz zurückgeholt, eine Schiene soll die wackeligen und abgebrochenen fixieren; eine Riss-Quetschwunde im Mund entlang Unterkiefer und Lippen-Innenseite muss genäht werden. Die ganzen Prozeduren tun einfach nur verdammt weh, ich habe plötzlich Sehnsucht nach meinem Zahnarzt. Sagte ich schon „Gehirnerschütterung“?

Wie soll ich jetzt „Zähne zsammbeißn“ wenn Zähne zusammenbeißen gar nicht möglich ist? Verzweiflung kriecht aus ihrem Versteck, will Herrin meiner Gefühlslage werden – ich atme tief, der Brustkorb schmerzt, ich richte mich auf, die Schädelknochen tun weh, der dumpfe Schmerz im Kopf macht mich schwindlig. Ich übe mich im Kampf-Lächeln. „Du bist wirklich eine kurdische Kämpferin!“ meint Omar kopfschüttelnd und mustert angeekelt mein mittlerweile geschwollenes, sich in tiefblau einfärbendes Kinn. Später wird er mir erklären, dass es keine Abscheu war – er wusste im Moment einfach nicht wohin mit seinem Mitgefühl und der eigenen Hilflosigkeit.

Ich mache mich eilig auf, will einfach nur rauskommen, aus dem Gebäude, aus der Situation. Ich will weg, muss allein sein. Omar chauffiert mich zu meiner wunderbaren Hausärztin, die ungeachtet des vollen Warteraums sofort die immer noch offenen Wunden an meiner Hand versorgt (während sie mich wenig PR-Taugliches über die AKH-Ambulanz wissen lässt). Sie packt Verbandsmaterial für mich ein, bietet an, meine Wunden auch an den bevorstehenden Feiertagen quasi „privat“ zu verbinden, sollte sich das Ganze entzünden. Ihr Tipp: Vor allem Protein-Reiches essen, um die Wundheilung zu beschleunigen.
Dem jungen Apotheker schiebe ich wortlos das Rezept entgegen, er schaut auf meinen Mund und zuckt kurz, meint nur „Uije, wie schaust'n du aus, das tut sicher weh! Hast eh jemanden daheim, falls was ist und umfallst?“ Mich amüsiert die Vertrautheit des Wildfremden, ich nicke automatisch.

Daheim streife ich ungelenk das blutige Gewand ab, lass das Häuflein mitten im Wohnzimmer liegen. Ich spüre wie das letzte Quentchen Kraft verpufft, bahre mich im Bett auf, starre an die Decke, ignoriere das vibrierende Handy. Wie ist mir das nur passiert? Warum hab ich nicht besser aufgepasst? Wie finanziere ich die Zahnsanierung? Was ist mit meinem Rad? Wie lange dauert diesmal meine Gesundung? „Ich mag nimmer“ wechselt mit „ich muss aber“ und „ich schaffe es“.
Ich bleibe erstarrt für die nächsten Tage, bette meine pochende Hand auf Eisbeutel, esse nichts Richtiges, weil auch nix im Haus ist, flöße mir Kaffee und Protein-Shakes ein. Ich stelle fest, dass ich mit einer Hand nicht nur nicht den BH schließen kann und sich mein Körper partiell in Fifty Shades of Violet, später Yellow verfärbt. Der Bluterguss im Kinn und die Taubheit in der Unterlippe werden als Langzeit-Effekt/ -Defekt noch monatelang bleiben.

Ich konzentriere mich auf Energie sammeln im Alleinsein. Der ersehnte Zuspruch des ersehnten Mannes bleibt wie erwartet aus; ich schraube ein weiteres Schild auf den längst errichteten Wall um mein Herz und treffe endgültig eine Entscheidung… Apropos: Es lassen sich nicht alle Heilungsprozesse mit Essen von Tofu, Bohnen und totem Tier beschleunigen.