„Na, typisch!“ meint Herr Kollege zu meinen verkürzt erklärten Wochenend-Plänen „Schuhe schauen“. Ein Schwall an unreflektiertem Klischee-Wortregen ergießt sich in den Raum; das verbale Plätschern perlt an mir ab, der Cursor tanzt über den Bildschirm. Das Stöbern im virtuellen Bike-Shop verunsichert mich: „Ich hab doch keine Ahnung, was als Einsteiger-Modell überhaupt in Frage kommt“, murmle ich halblaut vor mich hin.

Ein Fall für Rabe.

Rabe?

An dieser Stelle muss ich kurz ausholen und erklären.
Rabe also: Er ist weder klein, noch grün, geschweige denn verrunzelt, mein ganz persönlicher StarBikes-Yoda. Kommunikation mit ihm ist eine Herausforderung, denn er redet oft in verdrehten Sätzen mit mir (weil er nicht immer sagt, was er wirklich meint und nicht zulässt, dass er wirklich fühlt – manchmal aus Höflichkeit, meist aus Angst vor'm Echo). Auch sein Humor, also das, was er dafür hält, ist verdreht. Aus meiner Perspektive der völligen Objektivität schaut das so aus, dass er nur glaubt, „lustig“ zu sein, vor allem dann, wenn er es ganz sicher nicht ist. Ich bin in tiefschwarzem Sarkasmus daheim, er hingegen wohnt Tür an Tür mit witzelnder Schadenfreude. Ich schätze ihn als guten Bekannten, eventuell sogar mit Potential zur Freundschaft; für ihn allerdings bin ich wohl eher eine Art Edel-Sozialfall. Kurz: Die Kompatibilität unserer beider Welten ist gering, trotzdem schätze ich ihn als meinen weisen Rat(d)geber – und das nicht nur, weil er sich halt wirklich sehr gut auskennt. Yoda-esk teilt er Rad-Weisheiten ohne spöttische Herablassung, egal wie stressig er unterwegs ist. Entweder es heißt „das ist jetzt nicht so einfach, das dauert länger, ich meld mich später!“ oder seine Profi-Infos schallen unmittelbar im Stakkato ans Ohr, während er ohne Punkt und Beistrich meist euphorisch-missionarisch ins Telefon krächzt. Rabe eben. In meiner Welt unter Naturschutz.

Schuhe mit dem Klick.

Ungeachtet der Tatsache, dass ich immer noch kein eigenes Rennrad besitze, meine Ausfahrten auf Leihrädern bestreite, will ich endlich „richtige“ Rennrad-Schuhe kaufen, um auch „richtig“ fahren zu können. Denn Rad-Kilometer abspulen ist Kondition und unglaublich Glückshormone produzierend. Und dann will ich auch noch dazu gehören, zu wem auch immer… nicht zu dieser Logo-schrillen Herde auf den bunten Carbon-Pferden… nicht zu den ausgezehrten Metrosexuellen auf ihren Hype-Bikes… nicht zu den vollkonzentrierten Krampfgesichtern mit der TrainingsApp im Blick? Zu wem eigentlich? Ich bin heimatlos mit meiner 90km-Umweg-zur-Nachbar-Gelateria-Trainingseinheit im schlichten Trikot und dem geschnorrten Rad. Egal, ich bleib meinem Zugang „Genuss-Sport“ treu, es spricht ja nix gegen adäquate Ausrüstungsergänzung trotz allem… oder?
Wie üblich ist Rabe nicht an meiner Hirn-Onanie, die einer Entscheidungsfindung vorausgeht, interessiert und stoppt meine Rechtfertigungsflut: „Schau erst einmal, welche Größe passt und welches Modell dir überhaupt zusagt. Dann redma weiter.“

fact finding mission

In einer Welt, in der es kaum noch unaufdringliche Kavaliere und ausgesucht charmante Männer gibt, kompensieren Frauen mit Schuhe kaufen diesen Mangel an „offenkundiger“ Verehrung. Wenn das so genannte starke Geschlecht temporär vor mir auf die Knie sinkt, hebt sich automatisch meine Laune – selbst Radschuhe sind für ein Stimmungshoch geeignet, stelle ich amüsiert fest. Mein Blick ruht auf der gut trainierten Schulterpartie des Verkauf-Feschaks vor mir. Während er meinen Fuß in seinem Schoß hält und dabei komische Sachen redet, nämlich, dass es mit der Schuh-Wahl nicht getan ist, denn erst die Pedal-symbiotischen Plattl drauf machen aus den drei Teilen Schuhe – Platten – Pedale ein ultimatives Antrieb-System, weil… verflüchtigt sich rasch mein Hochgefühl.
Meine Gedanken driften ab, ich erinnere den Charly Brown-Cartoon und die Blablablabla-Sprechblase der obergscheiten Lehrerin… und welches System ich denn aktuell fahre, welche Pedal-Clips ich zukünftig verwenden will und überhaupt – der ausgewiesene Experte bedient sich des Schulmeister-Tons, er beginnt zu nerven. Ich hab keine Ahnung, verkneife mir „solche Pedale, auf die man tritt“ und fühle mich in jene Zeiten katapultiert, als ich noch großkotzig meine Frage „welchen Computer verwenden Sie denn?“ gleich selbst antwortete mit „und bitte sagen Sie nicht einen Weißen…“. Ja, ja, hier ist sie die Rache meiner angewandten Arroganz und dem Gscheitln im Alltag. Ich zucke trotzig mit den Schultern, er versucht es mit einem italienischen Schuh-Modell… ich schwelge in Gedanken an Sergio Rossi und Salvatore Ferragamo, Fratelli Rosetti und Casadei.

Ausdauertraining.

Der homo bicicletus in der durchgestylten Sporthöhle ist sichtlich bemüht, das Ende meiner Geduldspanne zu ignorieren, setzt dabei aber den gleichen Blick auf, den mein Sohn hat, wenn ich ihn um eine nicht angekündigte Zeitspende bitte. Eigentlich mag ich jetzt wirklich nimmer und gifte beleidigt „ich hab doch keine Ahnung!“. Ich will jetzt mit dem einzigen Menschen reden, der in stoischer Ruhe meine Akut-Bitzl-Attacken ignoriert und mich in Nullkommanix wieder auf Normaltemperatur bringt. „Und ich will ihre Nerven nicht über Gebühr strapazieren“ höre ich mich eine Spur zu kühl sagen, indem ich ja auf die meinigen anspiele, während der Radschuh-Löffel höflich dementiert und mir diesen „ja, Mama, in deiner Welt!“-Blick schenkt. Ich denk mir noch, dass er auch so einen schiachn Hipster-Bart hat und flüchte mich aus dem BikeNerds-Tempel. Noch auf dem Parkplatz schreib ich eine SMS, beginnend mit wtf… ein Fall für Rabe.

Etappensieg.

Schließlich der ersehnte Zuruf „lass mich machen“ und ich bekomme das italienische Modell quasi frei Haus (Rennrad-Schuh Woman von Sidi, Modell „Alba“ in Schwarz). Wichtig: Der Schuh darf keinesfalls zu klein oder zu eng sein, ist er doch wichtiger Teil des „Antriebs“ – Achtung also beim Online-Kauf. In diesem Fall ist die Verwendung der Größentabelle unumgänglich, um die übliche Schuhgröße auf die von der jeweiligen Marke verwendeten umrechnen zu können. Ich hab die Zeichen-Methode verwendet, also meinen nackten Fuß auf einem Blatt Papier mit einem Bleistift umrandet, um so meine Fußlänge in cm, ergo die korrespondierende Schuhgröße zu ermitteln. Als „normale 40erin-im-Zweifel-eher-40,5“ brauche ich zum Beispiel diesen Sidi in der Größe 42,5. Capisci? Mein Tipp: In jedem Fall Kauf im Fachhandel, nutze Beratung und in Ruhe anprobieren!

Ziellinie.

Und dann sind da noch die Bohr-Löcher an der Unterseite des Schuhs. Das Kaschieren der eigenen Ahnungslosigkeit mit flapsigem „Hihi, da ein Produktionsfehler!?“ goutiert Rabe nicht und meint nur genervt, dass ich mit dem Herumzappeln aufhören und endlich den Schuh wieder ausziehen soll. Er schraubt die Click-Dings-Teile drauf, justiert alles akkurat und passt so die Schuhe auf mich und die Pedale an, stellt die Sitzhöhe neu ein, hält das Rad fest, während ich im Trockentraining rausklicken und reinklicken probieren muss, überwacht meine Proberunden auf dem Parkplatz, erklärt an Hand von Anekdoten über Sportler, die an Kreuzungen und in Büsche umgefallen sind, was ich nienienie machen soll,…
Was ich eigentlich damit sagen will: Allen, denen kein persönlicher Instruktor, geduldiger Ratgeber, helfender Freund, leidensfähiger Rad-Buddy und talentierter Freizeit-Mechaniker zur Seite steht, müssen den Fachhändler ihres Vertrauens zu Rate ziehen! Und sich auch wirklich „was sagen lassen“. Ich bin ja eine, die gerne „allwissend“ herumdoktert und -schraubt und eh alles besser weiß… nein, absolutes No-Go, wenn es um Sicherheit geht. Gerade beim Einstellen der Schuhe auf die Pedale steht mehr auf dem Spiel als problemloses Reintreten zum Radvergnügen, nicht zuletzt geht es vor allem um die Vermeidung langfristiger, gesundheitlicher Probleme. Abgesehen davon, lässt sich auch ein Rennrad mit ganz normalen Sportschuhen fahren…so im Zweifelsfall!