Ihr Name ist Erice, meine beste Freundin, die mich verlässlich durch den Alltag begleitet und die Wochenenden mit mir verbringt. Ich liebe das satte Rot ihrer attraktiven Erscheinung in dynamischem Rahmen-Design, akzentuiert durch die Lidstriche der matt-schwarzen Kotflügel. Ja, sie ist wirklich hübsch, obendrein funktionell in allen möglichen Straßenlagen und unmöglichen Situationen, Lebenssituationen.

Denn ihr Familienname „Liberty“ aus dem Breezer-Clan der City-Bikes scheint in meinem Fall Programm zu sein, daher ist mein Rad auch weiblich – wie eben die Freiheit, die Unabhängigkeit. Und die Zukunft. Und die Liebe, die Treue, die Sehnsucht…

Dabei habe ich sie mir gar nicht ausgesucht, Erice passierte mir – unverhofft kam sie in mein Leben wie auch die Umstände ungeplant und ohne jegliche Absicht waren, die uns zusammenbrachten. Als ich sie kennenlernte, taufte ich sie in einem ersten Reflex von Endorphin-Ausschüttung eines missinterpretierten Liebesbeweises „Gioia“. Sie war hinter einem Vorhang hervorgeholt worden, als spezielle Überraschung nur für mich, die damals Langzeit-Radlose. Zur Ratlosen wurde ich rasch, ob des Kalküls im Schenken, gefangen in Selbsttäuschung… daher ist Erice auch der passendere Name… aber das ist eine andere Geschichte.
Ich erinnere noch unsere erste Ausfahrt, beim Heimfahren am fahlen Wintermorgen, den engen Rock habe ich zu einem Ultra-Mini hochgezogen, Erice lässt mich jede Kälte vergessen. Nahezu mühelos gleite ich mit ihr durch die noch menschenleere Stadt, ein schmutziger Himmel kündet von einem seelenlos eisigen Tag danach, Erinnerungen an die Zukunft… die brüllende Sprachlosigkeit im dumpfen Schmerz ist geblieben.
Jeden Tag auf's Neue generiere ich im Rhythmus der leise surrenden Räder eine neue Zukunft, wenn ich mich in den Sattel schwinge, an den handschmeichelnden Griffen festhalte. Und mich zum Hier zwinge, zum optimistischen Jetzt bewege, nicht nur im Straßenverkehr eine nützliche Grundhaltung, die vor Verletzungen schützt. Radfahren schafft Konzentration auf Gegenwart, das Radfahren kennt keinen Konjunktiv. Schließlich muss ich beim Tun ja wissen, wo ich hin will, wohin ich meine Aufmerksamkeit, mein Lenken und meine Anstrengungen richte, was ich und meine Zeit wert sind. Denn wenn der Weg das Ziel sein soll, dann muss zumindest die Richtung stimmen – insbesondere weil ich langsam aber sicher zu alt werde für leere Kilometer. Zu müde zum Strampeln, zum Genießen intensiver Bewegung im Sinne von Wert-voll bin ich noch lange nicht!

„Heiraten musst an einem Montag!“

Getreu diesem Rat aus meiner persönlichen Sammlung „Papa-sophisches“ ist meine Treue zu Erice – ungeachtet diverser Rad-Test-Seitensprünge – eben keine auf bestimmte Momente konzentrierte, sondern eine alle Tage- und alltagstaugliche Treue.
Meine Erice pendelte mit mir monatelang zur Arbeit (Minimum hundert Kilometer pro Woche), bei brütender Hitze durch den Stinkkorridor Höhe Rotundenbrücke den Donaukanal entlang. Sie trägt mich verlässlich durch die Stadt und alle Jahreszeiten, nicht nur rüber zur Donauinsel, in die Lobau, zum Badeplatz. Sie bleibt auf Linie, selbst bei gefluteten Pflasterabschnitten der Hernalser Hauptstraße, wenn ich mir einbilde, dass ein Sommergewitter mit Starkregen kein Grund ist, sich unterstellen zu müssen. Und ein bissl Schneegestöber lenkt sie noch lange nicht ab vom Idealkurs. Kurz: Sie ist mehr als nur mein Bike, sie ist Begleiterin in allen Lebenslagen, das beste Allround-Rad ever; und das schönste sowieso!

Das problemlose Dahingleiten in den Alltag macht mich frei, das Radfahren vereinfacht mein Leben. Selbst kompliziert Konnotiertes wie das – bei manchen Freundinnen tatsächlich gefürchtete! – Schalten, gerät mit Erice niemals zur Doktorarbeit, ganz im Gegenteil. Die sanft reagierende Schaltung verbuche ich immer noch auf einer ihrer vielen Plus-Seiten, auch wenn ich anfangs erst einmal die diametrale Schaltfolge zu verinnerlichen hatte, was sehr schnell ging.

Host mi? Schnell geschaltet.

Kein Sorge, weg mit übergroßem Respekt davor: Learning by doing optimiert die Nutzung klassischer Zahnkranz-Gangschaltung.
Letztlich ist es eh simpel, stelle ich im Selbstgespräch fest: „Zieh den kleinen Hebel direkt hinter dem linken Griff zu dir und du trittst viel leichter; vice versa dasselbe auf der rechten Seite tun, macht das Treten in kleinerer Dosierung schwerer; drückst du den Hebel auf der rechten Seite vor dem Griff mit dem Daumen runter, erzielst du eine verhältnismäßig kleine Erleichterung – du trittst schneller, fährst aber langsamer! Im Unterschied zu links: Der Tretwiderstand erhöht sich quasi mit nur einem 'klack' gleich um neun Stufen, weil links bedienst du die drei Zahnräder vorne, sprich die große Abstufung, und rechts steuerst du die Feinjustierung der neun hinteren Kranzl. Und ja richtig, es stehen 27 Gänge zur Verfügung, die eh supereinfach zu verwalten sind…“
Das gleiche Grundprinzip treibt zum Beispiel auch ein Rennrad an. Nur dass die Schaltung quasi am Lenker, de facto in den (Brems-)Schalt-Hebeln integriert ist, die zum Rauf-/ Runterschalten seitlich gedrückt oder gestupst werden…

Und wenn an dieser Stelle einer Stifter-ähnlichen Beschreibung meiner Urgestein-Radlandschaft sich längst alle BikeNerds und altgedienten RadCracks in Heiterkeitsausbrüchen auf dem Boden krümmen, dann kann ich nur sagen: Geht’s doch bitte in den Radkeller zum Lachen oder übt Weitpinkeln beim terminus technicus-Gscheitln.
Deshalb erspare ich mir auch die leidige Diskussion zur Wahrheit des Rauf-/ Runterschaltens und meinen trotzigen Umgang damit: Wenn's bergauf geht, ergo leichteres Treten hilfreich ist und ich per Zuruf „raufschalten!“ vernehme, in meinem Kopf aber Schaltung-Nutzung internalisiert ist, die nach runter, also langsamer werden schreit… was jetzt, wie jetzt, warum…? Führt zu nix der Versuch einer Diskussion, außer zur Komplett-Verwirrung meiner „mobil sein-Konditionierung“ aus wechselnder Sichtweise und unterschiedlicher Nutzung von Schaltung per se (klassische H-Schaltung im Auto, mit dem linken Fuß auf der Maschin' oder eben händisch am Bike). Das buchstäbliche Danebenstehen hilft in diesem Fall: Einfach nur einmal zuschauen, wie die Kette beim Schalten über die Kranzl rauf- und runterklettert, dann wird’s gleich nachvollziehbar, warum zum Beispiel ein Runterschalten schweres Treten, ergo rasches Weiterkommen bedeutet, weil eben die Kette auf der kleinsten Übersetzung surrt – also auf dem äußersten Zahnkranz. Sprich „Kette rechts!“ ist kein politisches Statement passend zur Zeit, sondern subsumiert Anfeuerung und maximale Aktivierung, frei übersetzt mit wahlweise „Forza!“, „volle Kraft voraus“, schlichtes „zah' au!“ oder auch „schwing die Hufe, Berta!“ für Disney-affine Zeichentrick-Personen…

Keine Hexerei, aber da muss frau erst einmal draufkommen, wenn es einem nicht erklärt wird oder – wie in meinem Fall – der Anfängerin-Stolz es partout nicht zulässt, einfach nachzufragen.
Man/ frau lernt nie aus. Eben.