Der schmale Weg näht ein blassgraues Asphaltband ins menschenleere, dichte Grün, das links und rechts der Fahrbahn in barocker Fülle bauscht. Die vorbeiziehende Waldkulisse präsentiert sich in allen Schattierungen aus der Jolly-Farbstifte-Box: Smaragdgrüne Fichten, sattgrüne Tannen, dunkelgrüne Eichen, gelbgrüne Birken, hellgrüne Hasel, kackgrüne Farne, blaugrünes Zinnkraut, rotgrüne Kräuter… Fifty Shades of Green später

sehe ich aus der geschichteten Natur eine Kirchturmspitze auftauchen, eine Kurve weiter schmiegt sich ein halbfertig renoviertes Haus an den Hang, wir rollen am Ortsschild „Zaton“ vorbei, dann über eine Brücke und da ist sie endlich: Vlatava. die Moldau. Während ich leise das Hauptthema aus Smetana's epochalem Werk vor mich hinsumme, taucht im Ufergrün die weitläufige Hotelanlage auf.

Erkundungen in Zaton/ Ottau
I, aufsteigen
Der steile Weg rauf zur Kirche führt vorbei an einem leer stehenden, großzügig angelegten Haus – der ehemaligen Dorfschule, wie ich später erfahren sollte – und mündet auf einer terrassenähnlichen Anhöhe. Den Ausblick ins Tal und zur Moldau versperrt hier ein hässlicher 70er Jahre-Gasthof-Komplex; weder Autos noch Menschen sind auszumachen, die Fenster starren grau und stumpf auf uns herab, der Außenverputz blättert vor sich hin, kurz: Die Zeichen deuten auf „außer Betrieb“.
Sauber aufgeräumt leuchten hingegen die erst kürzlich renovierte Kirche in strahlendem Weiß und der raspelkurze Friedhofsrasen in knackigem Grün. Ungeachtet der Dornröschenschlaf-Atmosphäre sind alle Grabsteine, Statuetten und Kreuze akkurat gepflegt; dort, wo es offensichtlich keine Angehörigen (mehr) gibt und die Gräber aufgelassen wurden, sind die steinernen Zeugen des Totengedenkens entlang der Friedhofsmauer aufgereiht.
Aber es ist mehr als nur ein Totengedenken – das wird mir erst dann schlagartig bewusst, als ich hinter der Kirche abgeschlagene Kreuze auf einem Haufen liegen sehe, einen kleinen Grabstein entdecke, bewacht von einer Kleinkind-Figur, der der Kopf fehlt. Das Ausmaß der Beschädigungen geht weit über den Sachschaden hinaus, meldet mein Bauch mit zunehmendem Unbehagen, das ich langsam einordnen kann, weil endlich jener Teil meiner „Festplatte“ anspringt, wo das zeithistorische Wissen gespeichert ist. Nur einen Wimpernschlag lang in der europäischen Geschichte stand diese Grenzregion mit dem Rücken zur Wand des Eisernen Vorhang, in den Jahrhunderten zuvor aber war Südböhmen eine prosperierende Handels- und Gewerbezone gewesen.
Zaton weist heute keine klassische Dorfstruktur auf, weil der gewachsene Ort nachhaltig zerstört wurde, Häuser und Höfe verschwanden, das vormals deutsche Ottau war als kaum besiedeltes, tschechisches Dorf Zaton nie wieder auferstanden. So wie die Kirche auch war die gesamte Region über Jahrzehnte unter Verschluss geblieben, nachdem erst die nationalsozialistische und danach die kommunistische Diktatur die Bevölkerung auseinander dividierten, bis diese Bruchlinien zu tektonischen Politbeben wurden, jede Menschlichkeit an verbohrtem Nationalismus, an Leid, Gier, Existenzkampf und Zerstörung kapitulierte.

kindergrab
„Beute-Deutsche“ wurden sie, die Sudeten-Deutschen hinter vorgehaltener Hand auch noch in meiner Kindheit in der braunschwarzen Heimatstadt genannt, wo man sich lustig machte über den Schwejk-Akzent vieler schutzsuchender Deutsch-Tschechen. Oder deutschen Böhmen. Oder tschechischen Deutschen. Oder… Mir war das sowieso egal, denn ich unterschied die Leute danach, ob sie nett waren und mich, das Kind, auch freundlich (zurück-) grüßten; na und bestechlich war ich natürlich auch, wenn mir die Nachbarin von meiner Oma, die Frau J ein Stück Strudel oder Kuchen unter die Nase hielt, war mir ihre Aussprache doch völlig „Powidl“ während sie mich anschrie: „Moch' Goschl auf, Herrgott schickt'a Labl!“

II, absteigen
Mit hängendem Kopf und tiefer Trauer in der Seele über die Unfähigkeit unserer Gesellschaften aus der Geschichte zu lernen, schlurfe ich zum Hotel zurück. Auf der Brücke bleibe ich stehen und schaue hinunter in die Moldau, denke mir, dass das Leben nichts anderes ist, als ständiges Fließen ohne Chance auf Wiederholung, immerhin kann derselbe Tropfen über denselben Stein ja nur einmal gleiten… ich drehe mich um und betrachte nun mit ganz anderen Augen die Kirche, die Häuser, den Wald, die Straße.
„Interessiert Sie das? Ich meine die Geschichte des Dorfes?“ höre ich aus dem Off und schrecke aus meinem Versinken in der Melancholie, die dieser Ort vermittelt. Der Spaziergänger lächelt mich an: „Sie wohnen auch drüben im Sporthotel, oder? Ich hab sie doch vorhin noch im Pool gesehen…“. Ich denke an die manischen Längen, die ich zwecks Wiedererlangung meiner Gedankenkontrolle im Sinne von „und dann denk' ich mal was Andres, als immer nur an dich“ abgespult hatte; ich nicke. Meine Zustimmung übersetzt der sympathische Passant als Geschichtsinteresse und stellt sich als Mitglied jenes deutschen Vereins vor, der Friedhof und Kirche renoviert (hat) und das Areal rundherum seit den 1990er Jahren in Schuss hält. Allesamt sind sie Nachfahren der hier in Ottau/ Zaton, ehemals ansässigen, ehemals deutschen Dorfbevölkerung; die Ältesten unter ihnen waren zur Zeit der Vertreibung im Kindesalter. Just an diesem Wochenende ist der Vereinsvorstand samt Pfarrer vor Ort, um die anstehenden Renovierungsarbeiten voranzutreiben und das geplante Fest-Wochenende im Herbst vorzubereiten.
Nachdem ich sehr gezielte Fragen stelle, hakt er nach und wir tauschen angeregt Gedanken aus und ich lerne viel in Heimatkunde. Zwei Stunden später treiben uns Hunger und Abendkälte zurück. Er, der Christian aus Deutschland, lädt mich ein, am nächsten Vormittag mit hinauf zu kommen, dann wäre die Kirche offen und ich könne auch mit den anderen reden; und deren (Familien-)Geschichten hören.

III, einsteigen
Das Knarren der Holztür lässt sie aufblicken, diese ältere Frau, die bei einem Grab kniet und eben eine Kerze anzündet. Sie lächelt und nickt mir zu. Ich gehe zu ihr hin und rechtfertige mein Eindringen mit der tags zuvor ausgesprochenen Einladung, mich der Gruppe beim Kirchenbesuch anschließen zu dürfen. Sie reicht mir die Hand und stellt sich als Schwester des Pfarrers vor, während sie auf diesen, einen alten Mann deutet, der lachend an der Eingangspforte steht und weitere interessierte Hotelgäste begrüßt.

kirchenpforte
„Er wurde hier in dieser Kirche getauft,“ erzählt sie nicht ohne Stolz und betont, dass ihr Bruder viele Erinnerungen an jene Zeit hat, als die Familie noch in Ottau, also Zaton auf Deutsch, daheim war. Er, der Herr Pfarrer, ist der Einzige, der nicht im Hotel wohnt, sondern bei jener tschechischen Familie, die sein ehemaliges Haus, das Haus der Deutschen nach deren Vertreibung „zugewiesen“ bekommen hat, wie er mir später erzählen wird.

Ich halte mich abseits, stehle mich an miteinander plaudernden Personen vorbei und trete ins muffige Innere der Kirche. Die alten Holzbänke verharren in Reih und Glied in stillem Warten, frisch gefärbelte Heiligenstatuen blicken herab, auf den mächtigen Steinplatten vor dem Altarraum gedeihen Grünalgen. Eine enge Steintreppe windet sich im hinteren Teil der Kirche hinauf zur Orgel. Ich bestaune das Instrument in seiner Mächtigkeit, den Blasebalg dazu, diverse Inschriften an der Wand, Gebets- und Liederbücher, stelle mich ins Lichtband des gotischen Fensters und verliere mich im Ausblick auf das Moldau-Tal. Ich erinnere die unbeschwert fröhliche Melodie aus der „Moldau-Musik“, die Smetana inspiriert durch eine Bauernhochzeit komponierte. Und wünsche mir, endlich auch wieder ein wenig Lebensschwere ablegen und mit einem frohen Herzen sehen zu können. Immerhin ist es Ende Mai, ich bin an der Moldau, die Sonne scheint, der Sommer liegt noch vor mir…

IV, aussteigen – pax vobiscum
…und ich zwinge mich zu einem Lächeln, summe vor mich hin, während ich die steinernen Stufen hinunter hüpfe, geradewegs in die Hände eines alten Herrn. Jessas, der Herr Pfarrer!
„Ja, grüß Gott!“ sagt er überrascht und setzt fragend nach: „Alles Gute kommt von oben?!“ Wir lachen beide und ich verkneife mir die unpassende Antwort „Göttin sei Dank, bin ich Atheistin und glaube an kein 'oben'!“ Seine weißen Haare strahlen im Gegenlicht, ich grinse ihn an, denke dabei „ein Pfarrer mit Halo ist ja Disney-esk“ und schäme mich sicherheitshalber ein bisschen für diese Formulierung. Dafür gibt es keinen logischen Grund, nur diesen Reflex, der einsetzt, wenn ich mich in Kirchenräumen befinde, in denen ich großes Unwohlsein verspüre und automatisch den Geruch von Scheiterhaufen zu riechen meine… diesem subtilen Empfinden begegne ich grundsätzlich mit sarkastischen Wortspenden, wobei ich zwangsläufig – kindliche Prägung – an meine Mutter denken muss. Ihr habe ich wohl mein inkorporiertes „Katholen-Schuldgefühl per se“ zu verdanken, weil sie mich noch als Jugendliche zu missionieren versuchte, meine Gegenwehr (danke Papa!) provozierte und mich immer wieder der „gottlosen Reden“ zieh; zuletzt begnügte sie sich mit „pietätslos“. Apropos: Dieser Sünden-Schwachsinn ist offenbar auf einer siebzehnten Prägungsstufe in mir hängen geblieben und triggert offenbar immer noch verlässlich, zumindest so hie und da.

herr pfarrer in seiner taufkirche

Durchschaut er mich Heidenkind?
Es ist ein gütiger Blick, mit dem mich der Pfarrer mustert, während ich los lege und ihn zutexte mit Fakten, die ich tags zuvor gelernt habe. Das freut ihn, sagt er plötzlich – entweder, dass ich aus Wien komme oder weil er im selben Jahr geboren ist, wie meine Mutter? Schnell nutze ich die Gelegenheit, um den Mund zu halten und lasse ihn zu Wort kommen.
Er deutet in Richtung Sakristei oder Taufbecken: „Diese Kirche ist ja meine Taufkirche, hier wurde ich 1938 getauft, im Juli. Und jetzt bin ich wieder da und feiere seit fast dreißig Jahren in genau dieser Kirche die Messe mit Menschen aus Ottau!“ Der Hall im Gewölbe gibt seiner geübten Vortragsstimme Gewicht, Umstehende drehen sich zu uns um und lauschen den heiteren Worten, folgen so wie ich der Einladung zum Altarraum und in die Sakristei mitzukommen. In Letzterer lagern Geräte und auch ein paar Kreuze, die noch nicht geputzt oder poliert wurden. Der Grünalgen-Befall und vor allem die Feuchtigkeit in den Wänden sind hier besonders schlimm, denn die mächtigen Laubbäume wurzeln mittlerweile „seicht“ unter der Kirche, wo Kondenswasser Schimmel und Saliter an deren Substanz zehren.

Ich lasse die anderen vorausgehen, halte den Pfarrer zurück und frage ihn direkt, wie er sich hier in seiner alten Heimat fühlt, die er als Kind verlassen musste, von wo er gewaltsam vertrieben wurde. Er blickt mich ein wenig irritiert an, lächelt milde, spricht leise: „Was meinen Sie, was die Nazis, die Deutschen in diesem Land angerichtet haben? Im Unterschied dazu haben die Tschechen hier ihre Nachbarn nicht getötet.“ Sein Blick geht zum Fenster, er schaut in den Friedhof hinaus. „Irgendwann muss Schluss sein mit Rache und Vergeltung, man kann nicht immer nur in der Vergangenheit leben! Wie sonst sollen die Menschen zur Ruhe kommen und lernen in Frieden zu leben? Wir können doch nicht die Kinder für ihre Eltern oder Großeltern bestrafen!“ sagt er bestimmt und fügt nochmals hinzu: „Irgendwann muss Schluss sein!“ Jetzt strahlen sie wieder seine Augen und das Lächeln kehrt zurück. Den Impuls, ihn jetzt einfach zu umarmen, unterdrücke ich – und ganz hinten in meiner kindlichen Seelenecke sehe ich meine Mutter auf Wolke siebzehn auf mich herunter lächeln, während ich ihr zuzwinkere. Sie hört immer noch alles.

baubesprechung am altartisch

V, dahintersteigen
Beim Abendessen setze ich meine ethnologischen Recherchen fort und lade Christian aus Deutschland an unseren Tisch. Während er über seine Vereinstätigkeit, den Fernurlaub der Gattin und seinen Broterwerb plaudert, stiehlt sich ein Gedankengrüppchen in meinem Hinterkopf davon. Und sinniert über Grund und Ursache, woran es wohl liegen mag, dass mir ständig wildfremde Menschen über den Weg laufen, mit denen ich quasi aus dem Stand gute Gespräche und wunderbare Diskussionen führen kann, die mir innerhalb weniger Augenblicke auch schon einmal sehr private Dinge anvertrauen. Und ich erinnere mich plötzlich: Als ich das Schi fahren noch politisch vertretbar hielt (und es mir auch noch leisten konnte!), war es der running gag in der Familie, dass ich an der Bergstation gefragt wurde, nachdem ich mit einem Fremden im Doppelsessellift hinaufgefahren war, wie denn dessen Großmutter hieße und wo er zur Schule gegangen war… Vielleicht liegt das Geheimnis ja in der Ressourcenbegrenzung, meint eine knapp bemessene Aufenthaltsdauer im gleichen Orts- und Zeitfenster, was eine eloquente, konzentrierte Gesprächsdisziplin beflügelt? Oder ist es schlicht die Sicherheit einer überschaubaren Kontakt-Dauer, die milde stimmt, wenn eine Erzählung träge dahin mäandert, während man sich auf die sechsstündige Zugfahrt am nächsten Tag zu freuen beginnt, so rein insgeheim ohne es sich anmerken zu lassen beim geduldigen Zuhören?

„…in Hernals…“ kommt plötzlich vom Vis-á-vis und all meine Gedanken eilen hurtig zusammen an eine gemeinsame Aufmerksamkeitsfront. „Wie?“ höre ich mich staunend fragen und setze in eifrigem Staccato nach: „Wie in Hernals, meinst du das Wiener Hernals, also den Siebzehnten, den Bezirk bei mir daheim, in the hood rund ums Haus?“ Christian lacht und wiederholt, dass sein Urgroßvater aus Wien stammt und auf dem Hernalser Friedhof begraben ist. „Der liegt an einer meiner Radstrecken!“ sprudelt es eifrig aus mir heraus, „also der Friedhof!“ ergänze ich rasch und weiter „manchmal flüchte ich mich dort hinein, zum Lesen oder um auf einem Bankerl am Berg einfach nur über die Dächer zu schauen und mir vorzustellen… wurscht jetzt. Wo ist das Grab? Ganz oben, rechts vom Tor oder links rüber, wie ist der Name, was für ein Grabstein…?“
Kurz: Wieder zurück in Wien, folge ich meinem Auftrag, mache Ur-Opa's Ruhestätte in Hernals ausfindig und schicke die Fotos per mail nach Deutschland, so kann Christian ein weiteres Teilchen im Puzzle der Familiengeschichte einpassen.