Nichts befeuert meine Sinne gleichermaßen intensiv und bringt mich zugleich so aus dem Gleichgewicht wie das kleine Wörtchen „spontan“. Gefolgt von „schnellentschlossen“, dem vorlauten Bruder aus der Synonyme-Familie, schalte ich in Nullkommanix auf Alarmmodus – insbesondere wenn „spontan“ in Kombination mit Reiseplänen genannt wird.


Seinerzeit als ich „la Mamma“ mit Kind und ganz viel Kegel gegen Süden fuhr (und meine damals zart pubertierenden Töchter am liebsten Rollen an ihre Kleiderkästen schrauben wollten, mein Sohn hingegen diverse Lego-Boxen für unverzichtbares Reisegepäck wähnte), hatten die Vorbereitungen zu Ferien-Fahrten immer das Flair einer Truppenverlegung.
Als prekär-arbeitende Armutsgefährdete kann ich kaum Urlaub leisten, maximal Kurz-Trips sind „drin“, und da neige ich dazu, im letzten Moment einfach ein paar Kleidungsstücke aus der gleichen Farbfamilie in Reisetasche, Rucksack oder Boardcase zu schmeißen. Mein Hauptaugenmerk liegt dabei auf diversen Kabeln (Stichwort: aufladen!) sowie zusätzlich zu den Turnschuhen an den Füßen noch ein Reserve-Paar einzupacken, Kappe und Trainingsgwandl. Mein Survival-Tascherl mit Zahnbürste, Aspirin, Taschenmesser und Wimperntusche plus Reisepass trag ich ohnehin ständig bei mir, denn man weiß ja nie, was der Tag so bringt…

Von Absdorf bis Zaton
Unlängst ereilt mich also der „spontane“ Anruf eines guten Bekannten. Statt einer Begrüßung startet er mit „Hey, ich will nicht wieder alleine wegfahren…“ und ehe ich noch irgendwas erwidern kann, bringt er den Grund seines Anrufs auf den Punkt: „Komm mit!“ Den nicht unwichtigen Details zu erstens „wann?“ – „morgen und übermorgen“ – und zweitens „wohin?“ – „an die Moldau, in die Nähe von Krumau, also Krumlov“ folgt die wichtige Ergänzung „in aller Freundschaft, ist kein unmoralisches Angebot. Was sagst?“.
Am nächsten Tag fahre ich mit dem Zug nach Westen, um ins Auto zu steigen, das mich nach Norden bringen wird.

zugheimfahrt

Oh, Heimat, dich zu lieben…
Querfeldein zuckeln wir durch ganz viel Gegend, machen am Ende des Weinviertels einen Abstecher zum ehemaligen Wohnort von Gottfried von Einem. Während hier rund um Maissau in grellem Pink-Violett die ebenso künstlich gehypte wie längst marode „Amethyst-Welt“ in Form von Wegweisern und Hinweisschildern allgegenwärtig ist, gelangt man nur dank Insiderwissen zum Schaffensort des weltberühmten Komponisten. Ich starre auf die Schreibmaschinenschrift, auf das kleine Papierstück am unscheinbaren Hauseingang, das als Hinweisschild dient und denke an die Reputation, die Gottfried von Einem nicht nur in der internationalen Musikwelt genießt.
Langsam schlendere ich durch das verwilderte Wiesenstück hinter dem Haus in Richtung menschenleerer Kellergasse, lasse steil aufgerichtete Grashalme meine Handflächen streicheln, weiche den mächtigen Klettenstauden aus und entdecke exotisch anmutende Beinwell-Inseln im Blütenmeer der Gstettn.
In der frühsommerlichen Mittagshitze imaginiere ich ein zeitgemäßes Amphitheater, das sich hier verbindend zwischen der dörflichen Kellergasse hin zum Areal rund um die Kirche ausdehnen könnte – vielleicht in Form eines Hains oder einer artifiziellen Allee oder in Form einer Zaha Hadid'schen Metall-Kapsel, in der es freien Rund-Raum für an-eckende Kunst mit Kanten geben könnte, für zeitgenössische Musik(Tage), um das Gedenken an Gottfried von Einem als „Componist“ zu feiern, an ihn als hochsensitiven Kunst-Menschen und internationalen Österreicher.
Und plötzlich dämmert's in meinem Tagtraum, dass ich hier mitten im Land der politisch verhaberten Kunsthandwerker stehe, der Upcycling-Wein-“Skulkturen“-Kreisverkehre, der mit Aquarellmalerei-„Kunst“ bestückten Verkostung-Kultur… der Tummelplatz der tüchtigen Fördergeld-Nacktschnecken (meint jene an Begabung oder Ausbildung Nackten, jedoch überaus fähig im Ziehen einer Schleimspur zu den nährenden Landes-Geldtöpfen, deren gleichgeschaltete Ausschüttung den Gefolgsleuten der politischen Führungskaste vorbehalten bleibt).

Mit hängendem Kopf trotte ich zurück zum Auto und schäme mich wieder einmal fremd für all die Molluskenartigen im Niederösterreich-Anzug, die den satten Stillstand rund um Wien konservieren, und das Untertanen-Denken… ich blicke in den Gemeinde-Schaukasten und sehe ausdruckslos blickende Menschen, vom Typ die Idealbesetzung für's Deix-Casting; aber mit denen ist nicht zu spaßen, denn ihre Hauptaufgabe ist es, ferngesteuert die Geschicke im Land in exakt diese eine Richtung zu lenken.
Nein, der querdenkende und feingeistige Gottfried von Einem bekommt hier keine Erinnerungsstätte, kein Festival, keine Musik-Tage – weder ihm zu Ehren noch um seiner Kunst „gegen den Strom“ zu huldigen.

Fahr nicht weiter, bleib in Weitra?
Rasch erreichen wir das nördliche Waldviertel und entscheiden – frei nach „der Weg ist das Ziel“ – eine völlig abgelegene Route zu nehmen. Was mich freut, weil ich so nach gefühlt ewigen Zeiten endlich wieder einmal nach Weitra komme.
Mit durchgestrecktem Rücken und die Nase abwechselnd an der Windschutz- oder Seitenscheibe platt drückend, rattere ich mein Heimatkunde-Wissen runter: „Hier gibt’s die besten Mohnzelten, gleich da drüben unbedingt den Schweinsbraten probieren, da die Zwirnknopf-Manufaktur und in diese Richtung sind die Fischteiche, wo das später geschröpfte Karpfenfilet wohnt; und da, da bin ich mitten in der Nacht mit xy und xy im Schneidersitz auf dem Platz gesessen und wir haben das frisch gebraute Hadmar verkostet… und der Herr P hat zum selbsternannten „päpstlichen“ Bier-Verkostungsschlürfer voll des Bieres, des Grants und noch voller mit Ehrlichkeit gesagt: 'Was tu ich jetzt mit dir, du W…?' und er meinte damit nicht 'Weaner'!“ gluckse ich belustigt und erzähle weitere Anekdoten, die mehr als zwanzig Jahre zurück liegen. Ungeachtet dessen, dass mir damals nicht blau- sondern kaltblütig meine Konzept-Ideen zur Landesausstellung-Nachnutzung geklaut wurden, ist und bleibt Weitra einer meiner erklärten Lieblingsorte im Waldviertel!
Zu jeder Jahreszeit: Beim Spazieren im Gabrielental entlang der Lainsitz, wo die Wasserelfen wohnen (meine damals noch sehr junge Tochter hat sie jedenfalls gesehen) oder beim Bummeln durch die Stadt zum und im Renaissance-Schloss, wandern auf den Nebelstein und nicht zu vergessen die Fahrt mit der Waldviertelbahn von Gmünd zu den Weitraer Advent-Tagen (was ich nur Stressresistenten empfehle, denn wenn der Weitraer Advent ausbricht, herrscht ab zehn Uhr morgens in Stadt und Schloss Belagerungszustand durch konsumgierige Christkindlmarkt-Horden! Aber es ist einfach wunderschön und wahrscheinlich auch das stimmungsvollste Advent-Ambiente).

Grenz-Werte
Kurz nach dem kleinen Kurort Harbach rollen wir auf einer so genannten Radstraße weiter Richtung Südböhmen… auch nach knapp dreißig Jahren des „Mauerfalls“ sehe ich das freie Passieren des ehemals Eisernen Vorhang immer noch nicht als selbstverständlich. Ich als leidenschaftliche Europäerin bin geradezu beseelt von diesem großartigen Europa-Projekt!
Denn:
Dieses neue #Europa muss als #Pan-Europa bewahrt und verteidigt werden, insbesondere gegen verzopfte Nationalismen und konstruierte Traditionen, die lediglich als Spaltkeil, als Sprengstoff „kultiviert“ werden von politisch Zündelnden. Dieser diffusen Zustandsbeschreibung von „unserer Kultur, unsere Werte“ als dem einzig Wahren in götzenhaftem Kult zu huldigen ist beschämend einfältig! Was wäre dieses Europa heute, wäre es nicht über Jahrhunderte dank vielfältigster Kultur- und Denk-Strömungen umgeformt, geknetet, aufgebaut, eingerissen, errichtet, eingedampft, erhellt, verfinstert, ermächtigt… worden? Wohin immer mehr vom Gleichen führt, zeigt doch die Vererbungslehre auf dem Papier und die Verwandtschaftstrickmuster von Familien wie Habsburg & Co. gerahmt in unseren Schlössern und Museen.
Apropos Museum: Tradition im Sinne von gepflegter Erinnerungskultur ist nichts Schlechtes. Es kann einem nur schlecht werden, wenn omnipräsent „Tradition“ als Synonym für „unsere Tradition/ Kultur/ Werte“ (?) postuliert wird, allein zum Zweck „andere“ auszugrenzen und auf Distanz zu halten, damit ein neues „wir in Europa“ erst gar keine Chance bekommt. Überlieferte Tradition, das vielzitierte „a oids Herkemma“ muss und soll auch Platz haben – die Betonung liegt auf „auch“! Verklärung von Tradition und Kultur als Kaugummi-Begriffe dürfen nicht bereit gestellt als Totschläger in politischer Werkzeugkiste eingesetzt werden, in prozesshafter Exklusion selbsternannter Eliten. Ich habe mit „meinen“ hellwachen und geviften Afghani-Buben an der Uni mehr als ein „Leben mit Existenzminimum“ gemeinsam – in jedem Fall mehr als mit irgendwelchen Landsleuten im Niederösterreich-Anzug beim Bauernbund-Ball, die weder mit meiner Kultur noch mit meinen Werten kongruent sind.
Ergo: Mehr Vielfalt und weniger Einfalt. Punkt.

Ich erinnere mich an Waldviertel-Ausflüge in meiner Kindheit, als wir durch menschenleere Gegenden fuhren, wo Stacheldraht und Schlagbalken als Normalität im Grenzgebiet galten, wo Wachtürme bedrohlich aus der Tiefe der Wälder wuchsen. Vorbei an zig Hinweisschildern, die mir einbläuten, dass hier – Achtung! - die Staatsgrenze verläuft, zu einer Festung, in die niemand hinein wollte; in der bleiernen Stille des Autoinneren plötzlich die Stimme meines Vaters: „Ja, schau nur – wenn'st ned bald katholisch wirst, schick ich dich da rüber!“ Seine Augen trafen im Rückspiegel meinen trotzigen Blick, dem er lachend entgegenhielt: „Und dann kommst in ein Heim oder gar nimmer heim…!“ Ach ja, die gute, alte Zeit halt, als Watschen noch privat und Teil des häuslichen Gesundheitsmanagements waren.

Ahoi in Südböhmen
Der schmale Weg näht ein blassgraues Asphaltband ins menschenleere, dichte Grün, das links und rechts der Fahrbahn in barocker Fülle bauscht. Die vorbeiziehende Waldkulisse präsentiert sich in allen Schattierungen aus der Jolly-Farbstifte-Box: Smaragdgrüne Fichten, sattgrüne Tannen, dunkelgrüne Eichen, gelbgrüne Birken, hellgrüne Hasel, kackgrüne Farne, blaugrünes Zinnkraut, rotgrüne Kräuter… Fifty Shades of Green später sehe ich aus der geschichteten Natur eine Kirchturmspitze auftauchen, eine Kurve weiter schmiegt sich ein halbfertig renoviertes Haus an den Hang, wir rollen am Ortsschild „Zaton“ vorbei, dann über eine Brücke und da ist sie endlich: Vlatava. die Moldau. Während ich leise das Hauptthema aus Smetana's epochalem Werk vor mich hinsumme, taucht im Ufergrün die weitläufige Hotelanlage auf.
Ihr Besitzer ist Ivo Jedlicka, ein ehemaliger Triathlet, was den gelungenen Ausbau zu „Sporthotel“ gleich viel schlüssiger macht. Trotz der Angebote Kräuter-Dampfbad, Sauna sowieso, Indoor- und Outdoor-Pool und auch noch Kraftkammer, Squash-Box und Tennisplatz ärgere ich mich, dass ich das Rennrad daheim gelassen habe. Vor allem als mir der Herr Direktor am nächsten Tag beim Small-Talk am Gartenzaun ein paar Tipps zur verkehrsberuhigten Radroute via Ceske Krumlov zu den Moldau-Stauseen gibt, setzt bei mir nagender Pierre-(so heißt das Rennrad-) Amputationsschmerz ein.

fuji karawane in krumau
Was ich bei folgenden Ausflügen an Wegen entdecke, ist aber vor allem MTB-tauglich (viele Rad-Straßen sind nicht asphaltiert): In den Orten (Rozmberk, Krumau, Trebon…) und an den Kreuzungen abseits der Hauptverkehrsrouten sind diverse Strecken ausgeschildert, es finden sich selbst mitten in den Stadt-Zentren entsprechende Hinweisschilder und Richtungspfeile samt Kilometerangaben. Wer spontan in die Pedale treten möchte, findet vor allem im touristischen Hotspot rund um Krumau Radverleih-Stationen (im Hotel nachfragen!), Angebote mit geführten Rad-Touren und Kombi-Ausflügen, etwa inklusive Stadtführungen. Dazu empfehle ich allen Interessierten das Buch "Grenzenlos radeln" von Julia Köstenberger (unter Menüpunkt: http://www.wienerradsalon.at/index.php/geniessen/seelenfutter ).

radschilder in trebon kopie