Und dann scheint die Sonne in warmem Herbstgold, gepinnt an einen blitzblank gekehrten Himmel, der in barocker Azur-Üppigkeit die Stadt überspannt. Meint: Ich muss raus, schwinge mich auf‘s Rad. KlackKlackKlack… rauf oder runter, auf welchem Kranzl liegt eigentlich mein Schon-Gang? Ohne Schleudern bitte, weil eigentlich sollte ich ja gar nicht.

Gemütliche 15 Kilometer später trete ich ambitioniert in den Sonnen-Nachmittag. Vorbei an Tulln und weiter ins Land, der Tag ist einfach zu schön und die Angst vor dem November-Dezember-Jänner-Grau(en) zu groß… long story short: Ich hab‘s wieder einmal übertrieben, schleiche letztlich auf Zehenspitzen durch die Botanik und rolle niedergeschlagen in der Bahnstation ein. Wenig später sitze ich im Zug retour nach Wien, starre abwechselnd auf meine Radschuhe und zum Fenster raus. Ich erinnere mit hängenden Schultern und Mundwinkeln, was meine Ärztin noch zwei Tage zuvor meinte. Sie sagte es laut, meine innere Stimme wusste längst, mein Körper zeigte an: Krank nicht so wirklich, aber richtig gesund auch nicht, Erstere meinte dazu: „Ok, nicht unbedingt Bettruhe, aber in jedem Fall musst du dich schonen!“ Ihr Blick fiel auf meinen Radhelm: „Und den Pierre (meint mein Rennrad, Anm. d. Red. – speziell für die wunderbare Susanne!) lässt du die nächsten Tage in der Wohnung.“ Weder Welpen-Raunzer noch Dackelblick erweichten ihr Herz, vielmehr verwies sie auf die aktuellen Untersuchungen zu meinem. Beim Verlassen der Ordination schießt mir der Gedanke durch den Kopf, ob ein T-Shirt mit dem Aufdruck „f*** Herzensangelegenheiten“ das Zeug zum Midseason-Verkaufsschlager hätte?

In einem Zug

„Die gehen mir so auf die Nerven! Sie ist immer nur Opfer, mein Dad immer nie daheim…“ Eine zischende Stimme hinter mir, Privatest-Offenbarungen als Zwangsbeschallung aus nächster Nähe; und ich hab keine Kopfhörer dabei. Der Nervtötung-Effekt erinnert an Kaffeepause in der Provinz, plötzlich schmalzt Helene Fischer aus dem Lautsprecher, der Staccato-Rhythmus ihrer Kinderlied-Schlager fräst eine Schneise in meine gute Laune.
„Na, sicher nicht wird er sich scheiden lassen! Das will er sich nicht leisten, die hat ihn im Griff…!“
Der Zug gleitet aus der Station und die telefonierende Person direkt auf den Sitz in der Reihe und Rücken an Rücken hinter mir. In gedämpfter Lautstärke wird kundgetan: „Dann haben wir sie ständig am Hals samt ihrer emotionalen Erpressungen… jede Jausn und jeden Cent rechnet sie mir immer und immer wieder vor, jeden Meter, den sie uns chauffiert hat, jeden Knödel…“

Ich will meine Ruhe haben, mich interessieren weder frustrierte Vorstadt-Weiber noch Hausgänse aus Hexenhausen. Mit einem Räuspern mache ich mich bemerkbar, suche Ablenkung im Lesen der vorbeiziehenden Bilder der Landschaft, richte meine Aufmerksamkeit konzentriert ins Außen. Wie das so ist mit Gedanken, die ich auf die Reise schicke, drehen die grad z‘Fleiß auf der Ferse um und laufen schnurstracks zu mir zurück: Die arme Frau… hat sich wahrscheinlich jahrelang um die Familie gekümmert… und was genau, geht das jetzt mich an? Verärgert suche ich den Ausschalter für meinen Erinnerung-Projektor, der in unscharfen Bildern Sequenzen aus meiner frühen Jugend im Flashback-Kino auf meine Seelen-Leinwand wirft.
„Ja, voll! Der reine Kontroll-Freak! Voll die Kulissen-Ehe, nach außen immer hui, nach innen…“ Ein Kurzstau im Redefluss, schon geht‘s weiter: „Nein, nein, die hat sie sogar blockiert, die sch*** ihr was! Meine Schwester war immer schon stur und hat von klein auf mit ihr gefightet…“ Ich schmunzle in mich hinein, meine Sympathie gilt dieser unbekannten Kämpferin. Damals, zu Kindzeiten in meiner Familie war ausgeprägte Beharrlichkeit in Karin-Einheiten gemessen worden, meine unverrückbare Willensstärke als lästige Sturheit bekrittelt worden. Meinung-stabil bin ich immer noch, frank und frei geize ich nicht mit Ansagen in aller Deutlichkeit, nach wie vor leiste ich mir den Luxus der direkten Rede. Das hat sich nicht ausgewachsen, obschon ich in vielen Fällen wesentlich milder geworden bin mit den Jahren. Oder instinktsicherer, wenn es um die Einsparung leerer Kilometer in Diskussionen mit Idioten geht? Vielleicht auch nur leidenschaftsloser, einfach nur müder?
„Der ist meistens nur müde.“ Ich schrecke auf, nehme meine Gedanken an die Kandare, die offenbar zu vorlaut nach außen dringen. „Ja genau, so richtig erschöpft. Die Frau zieht dir aber auch jede Energie ab…!“ Pause. In mir keimt der Wunsch nach Entwicklung eigenartiger Fähigkeiten, etwa die körpereigene Produktion von Innenohr-Wachsschichten zum temporären Verschluss der Gehörgänge. Mein jahrelanges Training als Zeugin aufreibender Im-Kreis-Diskussionen und manipulativer Schuldzuweisungen in unterschiedlichen Familien-Konstellationen hat mich auf Zwischentöne und das Hören von Ungesagtem sensibilisiert. Ziemlich praktisch eigentlich, denn so spare ich mir psychosomatisch bedingten Tinnitus, weil ich mit der bereits zitierten Vorliebe für direkte Rede mich nicht auf „ich kann‘s nimmer hören“-Denken beschränke. Ich hab mir angewöhnt, dem Gegenüber schlichte Fragen zu stellen, wie: „Willst du wirklich deine Situation ändern oder weiterhin nur drüber reden?“ Meist hilft aber auch die dezente Feststellung, dass ich nicht länger Komplizin beim Schönlügen sein will.

to be continued

Apropos. „Geh hör auf, die machen doch schon lange nix mehr gemeinsam, also so gemeinsam gemeinsam, ich mein zu zweit… ich glaub, er ist richtig geschlaucht…“ Kichern. „Nein, da geht sicher nix mehr!“ Pause, gefolgt von belustigtem „Du glaubst der geht fremd? Naaaahh, das riskiert er ned…“
Ich versuche meine galoppierenden Gedanken im Zaum zu halten, der junge Mensch auf den billigen Plätzen hinter mir lässt nun erst richtig die Zügel schleifen.
„Na sicher geht‘s um‘s Haus… immer, und um die Kohle! Ich will ja die depperte Hüttn gar nicht, aber mich fragen‘s gar ned… was mach ich schon in der Provinz? Ja, verkaufen oder vermieten kann ich‘s immer noch, irgendwann wird mir der Dad den Geldhahn auch zudrehen…“ Pause. Offenbar kommen diverse Szenarien im Konjunktiv durch das Smartphone der mitreisenden Person, deren Gesprächsbeteiligung reduziert auf Minimal-Kommentare wie „genau!“ und „ganz genau!“ wird, gefolgt von „krass“, „deppert“.
Entlang der Horizontlinie wandert mein Blick über das Grün der Landschaft, meine Gedanken springen ins Weite und mitten hinein. Ich erinnere ein Gespräch mit einem sehr gescheiten, jungen Mann, der mir immer wieder Einblick in männliche Denkschemata gibt. So sagte mein Sohn einmal, dass ein richtiger Kerl sich immer holt, was ihm wichtig ist; vice versa ist es entweder kein richtiger Kerl oder die Wichtigkeit ist eben nicht groß genug. Vor dem Fenster zieht die Kulisse einer längst typisch gewordenen Wohn-Siedlung im Blaue-Lagune-Instantlook vorbei, zusammengewürfelte Bausünden-Kobel aus drei Jahrzehnten im Einfamilienhaus-Ghetto. All diese Fassaden…
„Nah, der lasst sich nie scheiden!“ Eine weitere kurze Zuhör-Phase endet mit „ja eh, das sagt gar nix, der XY hat sich jetzt auch lang nach der Silbernen scheiden lassen… nahhh, no way… Weichei, ja.“. So ein Herzerl, denke ich bei mir und meine damit die undankbare Brut, die hier hinter meinem Rücken hinter seinem Rücken herzieht. Die salopp dahingesagte Einschätzung des vermeintlichen Familienoberhaupts aus der anderen Perspektive animiert mich zu Gedanken-Bocksprüngen: Lassen sich nur Weicheier zwingen und zwängen zur Flucht in Ausreden und aus der Verantwortung für ihr eigenes Lebensglück?

Unlängst erst war ich wieder an einem meiner Lieblings-Nachsinnier-Orte spazieren, nämlich am Hernalser Friedhof. Das ist nicht zwangsläufig einer unterdrückten Todessehnsucht geschuldet, sondern ein pragmatischer Kompromiss aus relativ nahe, Sonne exponiert (weil „oben“), sehr viele Bäume und vor allem ruhig im Sinne von weder spielende Kinder noch Smartphones. Dort sind Akut-Rückzug-Einheiten auf einem der versteckten Bankerl möglich, entweder mit ausgewähltem Lesestoff bewaffnet, zum Schreiben oder einfach zum Schauen, reduziert auf schlichtes Sein. Und als ich meinen Blick schweifen ließ, fiel er auf einen verwitterten Grabstein, darunter lag ein längst vertrocknetes Gesteck in Herzform, das mir sämtliche Stadien von Vergänglichkeit veranschaulichte. Stimmt es wirklich, dass in den Momenten des Sterbens die so genannten Fehler an Bedeutung verlieren, hingegen aber jene Sehnsucht, die man sich nie erfüllt, für die man nie den idealen Zeitpunkt gefunden hat, bitter bereut wird?

Endstation Sehnsucht…

Ich lausche dem Geräusch der Schienen, schaue ins Land und vertiefe mich in Baum-Grün-Zuordnungen. Die Konzentration auf „zartes Birke-Grün“ zerreißt, hysterisches Auflachen hinter mir: „Nein, nein, nein, das ist nicht der Grund! Was heißt Liebe!? Sie lebt doch von ihm, er ist total nützlich, verdient die Kohle, macht wenig Dreck…“ Lachen. „Sowieso, ja… definitiv das Haus.“ Pause, gefolgt von „Fakt. Sie schafft an, sie schafft Geld auf die Seite… nein, nein, das gneist er nicht; sicher nicht, sie kontrolliert ja auch alles rund um‘s Konto, die Abrechnungen… ja, und seine Kontakte, das Handy…“. Seufzer-Pause, dann ein neuer Anlauf: „Ja, voll! Die Suderei hältst nicht aus, jeder tut, was sie will… die nervt, wirklich, ich sag‘s dir!“ Seufzer. „Ja, ja‚ was sagen da die Leut‘… das kann ich auch nimmer hören…“
Jetzt muss ich grinsen. Meine Verwunderung über die Macht der sozialen Kontrolle im Dorf ist groß – die individuelle Abhängigkeit vom Urteil anderer, das tatsächlich immer noch den Verhaltenskodex so vieler Menschen bestimmt, werde ich nie verstehen. Sind es nicht immer die, die am lautesten über andere herziehen, die in den unglücklichsten Situationen verstrickt sind?
„Wundert mich nicht, dass der Dad… wie? Was mich das angeht?… Klar bin ich erwachsen… nein, nein, nein! Auf keinen Fall will ich dort wohnen! Reicht schon, wenn ich hie und da raus fahren muss…!“
Filmriss im Familien-Idyll, offenbar noch lange kein „The End“ in Sicht, längst am Ende ist meine Geduld mit meiner unfreiwilligen Komplizenschaft. Ich werd‘s nie erfahren, wie‘s ausgeht, niemals wissen, ob „der Dad“ einfach nur ein berechnender, eiskalt kalkulierender Feigling ist oder ein Gefühle blockierender Egoist, ob die tonangebende Beherrscherin ihm als manipulativer Vampir am Hals hängt oder doch nur geldgierig in der Opfer-Rolle brilliert. Egal. Ich bin in wenigen Minuten draußen, aus dem Drama, aus dem Zug. Ich atme tief ein, versuche noch einmal mit Hüsteln eine Pausetaste zu provozieren. Fehlschlag.
„Trotzdem muss alles so bleiben wie bisher, weil‘s für mich funktioniert.… wie jetzt… Keine Ahnung, wie‘s mei‘m Dad geht, der redet nie… nein, nein, alles Maske, er und die Mama… weiß nicht, ob das traurig ist, ich will einfach nur meine Ruhe haben!“
Mein Stichwort. Ich murmle „Tannengrün!“, hänge den Helm an den Lenker, befreie mein Rad aus der Arretierung und mich aus Hörweite. Während der Zug langsam in die Endstation einrollt, denke ich über Endstation per se, über Endstation als Allegorie für Lebensweg nach. Es ist doch so wie im richtigen Leben: Solange ich die Möglichkeit zum auszusteigen suche, kann ich immer noch mit der U- oder Straßenbahn fahren, ein Auto mieten, zu Fuß gehen oder eben mich auf‘s Rad schwingen, um weiter zu kommen. „Endstation“ ist nur ein Zustand im Kopf; Endstation kann auch die Umschreibung für Angst, vor allem für Feigheit sein, die einzig daran hindert, eigene Wege zu gehen. Wer bleibt denn in einer Endstation stehen? Wahrscheinlich nur die, die dann wieder zurückfahren, und wieder retour, und hin, und…
Ich trete in die Pedale, freue mich schon auf die Stille in meiner Wohnung, untermalt von „Sade“, die Hühnersuppe und mein neues Buch. Zuvor aber fahre ich noch bei der Apotheke vorbei und kauf mir endlich Ohropax als erste Hilfe gegen „Fremdbe-Stimmen“. Wer weiß, wie lange das mit der eigenen Wachs-Produktion…