„Gibt‘s was Neues im Auenland?“ lautet meine Gegenfrage. Political correctness verwende ich situationselastisch, insbesondere in Konfrontation mit untergroßen Macho-Männern. Theorien zum Napoleon-Komplex kenne ich nicht, habe aber ausreichend Praxisjahre in angewandter Feldforschung, um zu wissen, dass „size doesn‘t matter“ nur aus einem Hobbit-Poesiealbum stammen kann.

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Empirisch Gesammeltes zum Thema ist längst in gesundem Vorurteil verdichtet, als Stereotyp einzementiert: In meiner Welt gilt die Meinung, dass gerade die Spezies der "homunculi" zu gnadenlosem Dolchstoß fähig ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Während ich mein Vis-á-vis mustere, schaltet sich die ratio mit trockenem Kommentar dazwischen – einmal pro Woche habe ich neuerdings „Date-Praxis“ auf meiner Agenda stehen, die Erinnerung daran blinkt auf. Was sollte schon groß im unverbindlichen Gespräch passieren? Vor allem mit jeManndem der Sorte „definitiv nicht mein Beuteschema“? Und wenn er sich schon freiwillig als Versuchskaninchen aufdrängt? Eben. Genau deshalb entscheide ich mich für Tötungshemmung, halte meine Zunge hinter nun zaghaft lächelnden Lippen im Zaum und reagiere mit einem neutralen „Wie bitte?“

Eben war ich noch Versuchskaninchen im Innenstadt-Friseursalon gewesen und mit dem Testlauf hochgradig zufrieden. Frisch gestylt und dementsprechend gut gelaunt trat ich ins Freie, nestelte am Radschloss, drehte ein wenig unschlüssig den Radhelm in Händen. Grad fühlte ich mich so richtig hübsch und wollte meine glänzenden Locken nicht angeklatscht verstecken. Also deponierte ich kurzerhand den Helm am Lenker und schob leise summend die Erice, gemeint ist mein Citybike (extra für Susanne erwähnt, Anm. d. Red.), neben mir her, bis ins Herz der Altstadt. Dort kettete ich das Rad an, um meine aparte Erscheinung freihändig stolzierend besser zum Ausdruck bringen zu können. Wahr ist viel mehr, dass ich zum Tuchlauben-Eissalon strebte und mir unfallfrei eine XL-Tüte einverleiben wollte. Weit aufgerissene Augen auf mich geheftet bemerkte ich erst in Kombination mit dem Satz: „Ich muss sie einfach ansprechen!“ Seine Offenbarung er könne gar nicht anders, weil ich doch so strahle, quittiere ich mit fragendem Blick.
Nein, musst du nicht, lautete meine unwirsche Gedanken-Reaktion. Hörbar lasse ich vernehmen: "Wie bitte?"

Bilbo? Frodo?

Ich biete seinem Starren Paroli, suche in den Knopf-Äuglein nach Antwort im Stile von „Schule? Zeitung? Uni? NGO? Bürgerinitiative?…woher kenne ich das Gesicht?“, der imaginäre Rolodex an meiner Großhirnrinde rattert. Seine Augen wandern über meinen Körper, mit strenger Stimme weise ich auf mein Desinteresse mitten auf der Straße angesprochen zu werden, hin. Er hebt die Augenbrauen und gibt vor, nicht zu verstehen, denn immerhin rede ich jetzt im Moment mit ihm. „Nur weil Sie mir bekannt vorkommen!“ entgegne ich giftig, er reagiert höflich interessiert, nickt eifrig und meint knapp, dass es ihm auch so erginge und er einfach nicht wüsste, "wo er mich nur hintun solle".

Er lacht heftig, was den voluminösen Rucksackbauch in Bewegung bringt, und mir die glasklare Erkenntnis, dass ich zukünftige Flirt-Attacken bei eiligem Treppensteigen testen kann, Minimum bis in den vierten Stock. Was quasi einer Aufnahmsprüfung gleichkäme, einer natürlichen Auslese und das leidige ins Wort fallen, wäre wohl in den meisten Fällen ab der zweiten Etage auch erledigt…
Im Kopfkino lauft mein Film, ich reagiere mit koboldhaftem Grinsen, er will meinen Charme eines Rottweilers als „charmantes Lächeln einer attraktiven Wienerin“ interpretieren, ich entgegne, dass beides nicht stimmt, Letzteres nicht, weil ich doch aus der Kremser Gegend stamme. Verdutzt hält er mit St.Pöltner Umland entgegen, dann braucht‘s nur noch zwei Iterationsschleifen bei mir und schon habe ich ihn zugeordnet. „Problem gelöst!“ lache ich und wähne mich augenblicklich im Flirt-Leo, kenne ich doch nicht nur seine Familie.
„Eben noch die vermeintliche Anonymität der Großstadt, jetzt Obacht zwegn der sozialen Kontrolle im Dorf,“ lache ich befreit aus der festen Überzeugung heraus, dass jedes weitere Geplänkel lediglich höflich-interessiertes Verbal-PingPong sein kann.

Ex in the City

Leichtfüßig perlt die Unterhaltung dahin, wir duzen einander, ich bin ganz aufgeknöpft. Mich interessiert dieser Gedankenaustausch, ich frage nach Familien-Update und kommentiere Provinz-News, mein Gegenüber ist angetan, wir landen bei Persönlichem. Ich erzähle von Firmengründung, lasse meine Kenntnisse rund um Marketing-Strategie einfließen. Davon weiß er Bescheid, spricht meine Ideen und Aufbauarbeit als ehemalige Winzerin an. Ich verweise auf meinen aktuellen Status als Expertin für Konzeption, er bringt eine mögliche Zusammenarbeit auf‘s Tapet, was wir ja viel besser bei einem Kaffee besprechen könnten. Seine Visitkarte verstaue ich in meinem Radrucksack und denk mir noch „na, hoffentlich gibt‘s auch anständigen Kaffee in diesem Büro“. Während ich in gebückter Haltung den Reissverschluss zuziehe, fange ich seinen wandernden Blick ein. Ich stutze.

„Wie du dich bewegst!“. Sein Blick ist eigenartig verklärt, ich mustere ihn lauernd, er versteht es als Einladung zum Weitersprechen. „Du strotzt vor unverschämter Sexualität, ich muss dich ständig anschauen… das hörst du wohl oft, das sagen dir bestimmt Viele?!“ Keine Reaktion meinerseits. „…Männer vor allem, aber sicherlich auch Frauen, die dich darum beneiden…“
Überrumpelung wird zu Grant, der langsam ins Tiefschwarze färbt. Ich schneide ihm das Wort ab und antworte kühl, dass es doch immer die Falschen sind, die Blumen schicken und solche Komplimente machen. „Gibt‘s das überhaupt, den Richtigen?“ fragt er süffisant.
Unvorbereitet und in voller Breitseite trifft mich die Erinnerung an "meinen Richtigen“ inklusive aller Verblendungen meinerseits: Die neckischen Kommentare zur Größe meines Busens, die barsche Zurückweisung intimer Nähe, die Herabwürdigung im Streit, das konstante Ins-Lächerliche-ziehen meiner Gefühle, seine Flucht vor offenem Gespräch… und immer wieder dieser Widerspruch zwischen seinen Worten und seinen Berührungen, Blicken, Küssen…
Ein glühender Stab bohrt langsam durch mein Herz, in der Sekunde Magenkrampf, die Intensität meines Sehnens trifft mich unvorbereitet… ich bin doch geübt im Wegschieben, will endlich diese leeren Kilometer vergessen, aus dem Labyrinth meiner unmöglichen Liebe raus! Unbändige Wut auf mich selbst kocht hoch, Dampf steigt in meine Augen, ich würge an heißen Tränen.

scHerzattacke

Derweil ringt der Danny de Vito-Verschnitt am Gehsteig neben mir um Aufmerksamkeit, er wirft sich in Pose:
„Du bist eine Frau, die mich reizen könnte.“
Ruckartig dreht mein Kopf in seine Richtung, ich fauche „WAS hast du eben gesagt?“ gefolgt von einem leisen „Run, Forrest!“ Offensichtlich ist er kein Cineast, das Balz-Männchen versteht meine Warnung nicht als solche, er plappert unbekümmert auf mich ein: „Du kannst wohl keine Komplimente annehmen?!“

Mir bleibt die Sprache weg, meine Gedanken spielen Flipper: Wie, was, warum sollte ich ihn reizen wollen…? Was glaubt er denn…! Haben‘s daheim die Spiegel abghängt? Meint doch nicht wirklich, dass das ein Kompliment wäre!?…Unverschämt!
Trotzdem allem regt sich ein letztes Fünkchen Fairness: Er kann doch nichts dafür, dass es in mir köchelt, meine one-and-only-Liebe nur das einseitige Phantasiegebilde in meiner Einbildung ist. Das wäre einfach nicht fair, wenn ich ihn hier und jetzt verbal in den Boden stampfe, stellvertretend quasi; egal, wie furchtbar mich sein arrogantes Checker-Getue aufregt.
„Warum schaust du plötzlich so traurig?“ will er jetzt von mir wissen.

Ich gehe in die Defensive, will eigentlich mit einem 08/15-Gschichtl loslegen, entscheide mich – längst unterwegs beim Sprech-Denken – zu meiner Überraschung für schlichte Ehrlichkeit, und rede letztlich in einer Art Selbstgespräch vor mich hin: „Ich hänge immer noch in dieser alten Gschichte fest, das ist mir eben wieder bewusst geworden, verdammt nochmal…“
Meine Stimme ist dünn. Atmen. Ich fühle mich elend. Atmen.
„Pathetisch formuliert, ist es mein gebrochenes Herz, das ich erst heilen muss, ehe ich überhaupt auf andere, auf irgendwelche Männer reagieren kann, weil ich gar nicht will… also Berührung oder so, brrrr, kotz, wäuhhh… geht gar nicht.“ Noch vor dem Punkt an diesem Satzende ist mir bewusst, dass ich diese Aussage sehr rasch und sehr konkret zurecht schleifen muss. Vor allem aber ganz schnell ist sie mit dem Hinweis zu versehen, dass gerade er, der mich nun mit weichem Mündchen hier mitten auf der Straße in so unverschämter Weise anstarrt, in allen möglichen Welten aller möglichen Parallel-Universen nicht einmal dann, wenn alle möglichen Höllen gefrieren für mich absolut niemals, also nie und nimmer auch nur ansatzweise als möglicher „den lasse ich in meine Nähe-Mann“ in Frage käme.

Eccomi

Derweil ich also sorgfältig in meiner Sprachlade nach verletzungsfreien Wort-Kombinationen suche, patzt er seinen Trotz des Abgeblitzten in meine Gedankenwelt: „Du kannst natürlich auch als italienische Witwe durch‘s Leben gehen! Und dir einreden, dass es auf ewig und immer nur den Einen gibt! Wenn er der Richtige ist, wo ist er jetzt?“
Kurzer Blick auf‘s Handy. „Auf dem Weg ins perfekte Hause, zur perfekten Frau, dem perfekten Leben einer perfekten Ehe.“
„Klar, Männer in unserem Alter müssen an der Zweckgemeinschaft festhalten!“ Verdutzt fixieren mich die kleinen Knopfaugen. Ohne Vorwarnung gackert er los, mit abfälligem Blick setzt er zum Hieb an: „Du liebst ihn also, bist ihm aber egal?“
„Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, hab nie was Gegenteiliges erfahren, da ist er ehrlich zu mir…".
„Wo wohnt er?“
„Das geht dich nix an. Gibt vermutlich eh schon längst eine neue Nebenfrau zur Auslagerung von körperlichen Aktivitäten. Meine Beziehung zu ihm ist eine Nicht-Beziehung… trotzdem besonders, weil… du kannst das nicht verstehen… ist ja auch nicht logisch, dass ich mich zur Lachnummer…“.

Nichtschwimmerbecken

Er fällt mir ins Wort: „Ich würde wirklich gern dein Becken öffnen!“
„Und ich wäre gerne Commander auf der Enterprise, hab auch keine Ahnung davon,“ schnaube ich, gefolgt von „Hast du schon herausgefunden, dass Cunnilingus keine irische Fluglinie ist?“
Ich bin so baff, wie ich wahrscheinlich noch selten baff war in meinem Leben – ein Umstand, der mir augenblicklich eigenartige Ruhe verleiht. Und weil es mir im Moment dabei hilft, dieselben nicht um den Hals des erregten Schlumpfs zu legen und zusammenzudrücken, schaue ich auf meine Hände, blicke seine an, die kurzen Finger. Ich stelle meine Augen scharf, nehme ihn ins Visier, er blickt mich herausfordernd an… ganz böse Dinge und ganz, ganz schlimme Wörter ringen in mir um die vorderen Ränge beim Verbal-Abschuss.
Plötzlich wird mir klar, dass es doch meine Energie ist, die ich hier so frisch und frei verpuffen lasse.

Ich zwinge mich zur Ruhe, drapiere das Radschloss um die Sattelstütze, stülpe den Helm über und setze mich auf‘s Rad. Auf dem Heimweg finde ich trotz der bizarren Begegnung meinen Humor wieder und die passende Antwort mit dem Zitat meiner Oma: „Dem Herrgott sein Tiergarten ist groß…“.