Ihre Schuhe klackern nicht, sie seufzen über das Pflaster.
Verwirrt schaue ich ein zweites Mal hin und denk mir: "Wie geht das?" Sie trägt doch ganz normale Sneaker… und dann wird mir klar, dass es ihre Körpersprache ist, die mich anschreit, mich bedrückt und mir mehr verrät, als es die junge Frau im Gespräch der letzten Stunden getan hat. Sie ist nun die fünfte Person in den vergangenen sechs Wochen, die mit mir über Trennung, respektive bevorstehende Scheidung reden wollte.

Ein Nachmittag voll der Gespräche über Beziehungsdesaster, verpasste Lebenszeit und den Mythos Seelengefährten liegt hinter uns. Ich drücke sie zum Abschied erst an mich und ihr dann ein festes Bussl auf die Wange, gebe einem jähen Impuls nach und sage ihr, dass ich sie lieb habe, sie nicht alleine ist. Ihre Augen füllen sich mit Tränen, derweil sie ein „mah, danke!“ murmelt. Leise setzt sie zusammenhanglos nach, ob es denn einfacher wird, wenn man älter ist.

„Du meinst die Sache mit Beziehungen?“ Sie nickt und ich bin erstaunt, dass sie gerade mich das fragt, die ich als Summary meines Langzeit-Single-Status gerne anführe: Die längste Beziehung, die sie je hatte, war die zu ihrem Hund.
Betont flapsig rede ich nun dahin, dass ich mir vergangenen Sommer noch geschworen habe, endgültig auf lesbisch zu switchen – sie erschreckt regelrecht, darauf ich mit einem raschen „Hey, das ist doch ein Scherz!“, weiter nach Worten der Erklärung zu ars amandi suche. „Ich finde zielsicher emotional Behinderte, politisch korrekt muss es wohl emotional Beeinträchtigte heißen! Wie ich das meine? Na ja, ich bin offenbar Spezialistin für jenen Typus Mann, der grad ganz knapp den Autismus-Aufnahmetest nicht besteht, dafür in der Narzissten-Gruppe ganz vorne dabei ist… so auf der Empfindungsschwelle Grottenolm, Gefühlsgrad nah am absoluten Gefrierpunkt… da formiert sich meine Zielgruppe,“ stelle ich müde lächelnd fest.
Ich hebe meine linke Hand, spreize Ring- und Mittelfinger zum V und schütte mit vollem Sarkasmus nach: „Mein Beuteschema hat eindeutig Mr. Spock verdorben, frühkindliche Prägung dank imaginiertem Einsatz auf der NCC 1701.“
Sie: „Häh?“
Daraufhin ich: „Star Trek.“
Daraufhin sie: „Häh?“
Daraufhin ich: „Raumschiff Enterprise.“
Nachsatz: „Kinder, ihr müsst halt Bildungsfernsehen schauen!“

Mit meinem Hihi-Gaudium bleibe ich alleine. Selbst das singuläre Hochziehen meiner linken Augenbraue, begleitet von sonorem „Fascinating!“ entlockt ihr keinen Grinser. Im Gegenteil. Sie reagiert auf meine Trekkie-Einlage bestürzt: „Sorry, dass ich dir die Ohren voll jammere. Du bist ja selbst… hast doch Liebeskummer seit Monaten… wollte dich nicht… tut mir leid!“
Sie verstummt unter meinem Maskenlächeln.
Der staubtrockenen Feststellung, dass ich nicht durchgeknallt wäre, begleitet von ernsthaftem „Ich bin so geboren. Was ist deine Entschuldigung?“ folgt mein eigentliches Auto-Reply: „Das krieg ich schon hin… jedes Leiden hat irgendwann einmal ein Ende… mit dem Loslassen ist das so eine Sache, bin ein bissl aus der Übung…“ plötzlich spüre ich die drückende Schwere, eingenistet im hintersten Herzenswinkel, wo ich nach mehr als dreißig Jahren nur für einen Moment vergessen hatte, die Tür zu verbarrikadieren.
„Ich hab doch sehr viel lernen dürfen in dieser Nicht-Beziehung, vor allem, dass es immer zwei braucht – nicht nur für'n Tango, auch für's Happyend!“ zwitschere ich eine Spur zu fröhlich, während die kalten Momente seiner Zurückweisung in mein Bewusstsein drängen, ich wieder den Schmerz seiner spöttischen Verhöhnung fühle… damals, als ich ihm nachgereist war. Mein Magen zieht sich zusammen, wenn ich an sein Gemurmel von „Sympathie“ denke, nachdem ich das unwürdige Spiel der Oberflächlichkeiten mit ehrlicher Liebeserklärung beendet hatte, er sich daraufhin grußlos umdrehte und mich achtlos auf der Straße stehen ließ. Keine Zeit zum reden. Die Antwort auf meine stummen Fragen finde ich in seiner brüllenden Geringschätzung, seiner Ignoranz mir gegenüber in demonstrativem Small Talk, nachdem wir einander nach Monaten des Schweigens zufällig über den Weg gelaufen waren und er sich mit einem „ich ruf dich an!“ verabschiedete. In der Sekunde wollte ich ihm die Halsschlagader durchbeißen, zum Glück für ihn waren Zeugen im Raum… ich wollte ihn einfach nur schlagen.

„Ja, danke, was ich lernen durfte…“ gifte ich plötzlich lauter als beabsichtigt; noch immer brennt die Scham auf meinen Wangen, die Wut kocht hoch wegen der Beständigkeit meines idiotischen Sehnens. Ich versuche mit einem heftigen Kopfschütteln die Erinnerungen los zu werden, mit dem Abspulen der zurechtgelegten PR-Version finde ich rasch zu Contenance: „Immerhin weiß ich wieder, was ich nicht will“, gefolgt von „und das, was ich will, vor allem Respekt und Wertschätzung werde ich schon noch finden… nach dem Winter. Ich vertraue auf das Jahr 2019, ein Jahr der Umbrüche und der spektakulären Veränderungen… wirst sehen! Vielleicht muss ich sowieso ins Ausland zum Arbeiten, wenn das mit'm Job hier nicht… ich brauche meine Energie für mich, da ist sonst niemand, nur ich…“ Blablabla. Meine Worthülsen kullern wie klebrige Kaugummi-Kugeln aus einem Automaten.
In erster Linie muss ich einmal raus aus meiner selbstgewählten Einzelhaft, denke ich grantig und starre fasziniert auf ihr perfekt geschminktes Auge, in dem sich eben am unteren Lidrand ein kleines Bassin zu füllen beginnt. Jetzt! Die erste Träne quillt über die fein getuschten Wimpern und tropft schwer auf den grobgestrickten Schal. Meine Freundin nimmt mich bei der Hand und schaut mich treuherzig an: „Ich wünsche dir so sehr, dass du jemanden findest, der dich aufrichtig liebt und respektiert, der zu schätzen weiß, was für eine tolle Frau du bist!“
In meinem Hals wird es eng, ich schlucke schwer, Gefühle kann ich jetzt wirklich keine brauchen, weil nicht zeigen. Es platzt aus mir heraus, dass ich eh schon die längste Zeit überlege – jetzt, wo sie das sagt! – dass ich mir wieder einen Hund zulege. Gefolgt von gackerndem Gekicher, das sich fremd aus meinem Mund stiehlt. Sie neigt den Kopf und lächelt milde, weist mich zum wiederholten Male darauf hin, dass es doch genug Männer für mich gäbe… und sie hätte es ja selbst beobachtet, wie dieser eine und der andere mich anschauen, mit mir flirten, sich mit mir verabreden wollen… aber ich bin offenbar völlig blind…

„Schau!“ stoppe ich ihr Plädoyer für „Love Actually“ und ziehe den Reißverschluss meiner Sportjacke bis unter's Kinn hoch: „Ich bin wie ein Hund aus dem Tierheim – wenn jemand seine Hand in meine Richtung hebt, dann gehe ich davon aus, dass ich geschlagen werde und denke nicht daran, dass es auch ein Streicheln sein könnte.“ Und außerdem will ich, kann ich keinen anderen berühren, küssen, geschweige denn… jetzt noch nicht… seufzend schau ich sie an und füge leise hinzu: „Es geht einfach noch nicht. Jeden Tag schneide ich auf's Neue mein Herz raus…. Ich dreh mich im Kreis, hasse mich dafür, aber… Es tut einfach immer noch so furchtbar weh.“
Meine ungewohnte Offenheit verblüfft sie, ihre Augenbrauen wandern in Zeitlupe nach oben, zugleich öffnet sich ihr Mund, der gleich eine Meinung formulieren wird. Ich nehme den Abschneider, zwitschere rasch in fröhlichem Plauderton, dass ich sie gerne zum Bahnhof begleite und wiesele los, um mein Fahrrad zu entsperren.

Jetzt sind es meine Tränen, die kullern und auf Erice (mein Fahrrad) tropfen. „Reiss dich endlich zsamm!“ Wut steigt in Wellen hoch. Auf mich und mein unreifes Verhalten… auf ihn und sein Schweigen, als gäbe es nichts zu sagen… auf mich, weil ich tatsächlich auf seine Entschuldigung, zumindest auf klärende Worte warte… auf ihn, weil er nicht und nicht sagen kann, was in ihm vorgeht… dass ich ihm egal bin, es immer schon war, aber ich Depperte es einfach nicht wahr haben wollte! „Verdammt!“ setze ich meiner Selbstbeschimpfung ein Ende, nestle am Radschloss herum. Meine Freundin fragt aus dem Off, ob ich Hilfe brauche.
„Offensichtlich! Idealerweise in Form eines Sponsors für Delphin-Therapie oder eine Schiffsreise, von Hamburg nach New York wollte ich schon immer! Nachhaltiger wäre ein Rennrad, dann könnte ich wenigstens den Schwachsinn aus mir rausstrampeln!“ zische ich wütend. Der Vorteil von heiligem Zorn ist, dass sein heißes Brennen meine Tränen verdampft. Wie wenig ich mich grad im Griff habe, merkt sie nicht.
Während wir nebeneinander die Fußgängerzone entlang marschieren, plappere ich eine Spur zu exaltiert über Erste Hilfe-Varianten 2.0 weiter: „Flanieren in Triest, Schuhe kaufen in Verona, Torte essen in Siena, Siena!!! Tausend Jahre war ich schon nimmer dort, mi manca la cittá meravigliosa! Wein trinken in Matera… dort ist übrigens Wonder Woman gedreht worden. Wie, wer das ist?… wir müssen ein Film-Wochenende einplanen, du brauchst dringend Missionsunterricht!“ Sie nickt mir verschwörerisch zu, ich denke mir, das wird sie auch ablenken, wenn die Scheidung wirklich böse läuft und sie vor schlechtem Gewissen vergeht, auf andere Gedanken kommen muss. Apropos: „Endlich für mindestens vier Tage nach Neapel fahren! Und von dort mit der Fähre nach Sizilien, nach Erice, mit dem Rennrad von Palermo aus rüber… und dann gleich eine Insel-Umrundung anhängen! Ein Abstecher nach Corleone muss schon auch drinnen sein, quasi ein Angebot, das man nicht abschlagen kann… das Zitat kennst aber schon, oder?“.

Sie lacht mich aus. Oder an. Letzteres eher, weil ich sie spontan aus tiefster Überzeugung wissen lasse, dass sehr bald alles gut wird – ich spüre das einfach – und wir „long and prosper liven“ werden. Verschmitzt fügt sie hinzu, was sie spürt, die unbelehrbare Romantikerin: „Und trotzdem glaub ich, dass er sich bei dir meldet. Vielleicht kann er es nur jetzt noch nicht zugeben, dass er dich liebt? Vielleicht hat er sich's selbst noch gar nicht eingestanden, weil er für die Konsequenzen daraus zu feige ist?“
Offensichtlich schaue ich drein wie ein Maikäfer wenn's blitzt, denn jetzt lacht sie mich in aller Offenheit aus und fragt allen Ernstes, was ich denn auf seine Liebeserklärung antworten würde, könnte er sich je dazu überwinden.
„Dass ich kein Klingon verstehe!“ platze ich heraus, um weiter zu erklären: „Es ist nämlich wahrscheinlicher, dass ich einem außerirdischen Doppelgänger von ihm begegne, als dass er in diesem Leben auf diesem Planeten… du, mir fällt grad ein! Du hast noch gar nicht erzählt, wo du nach der Scheidung leben willst.“
Sie nimmt den nächsten Zug, lädt mich ein zum Sekt trinken (es wird ein Jahrgangs-Champagner), damit wir unsere 2019er-Vorhaben gebührend konzeptionieren können und ich ihr meinen ganz persönlichen Vorsatz noch erläutern kann. Was ich denn genau meine mit „to boldly go where I never went before“…

Ich wünsche allen da draußen ein großartiges 2019, ein Jahr mit Potential, ein Jahr voll spannender Herausforderungen und spektakulärer Wandlungen – viel Mut zu nötiger Veränderung, viel Kraft zum Durchhalten in sinnvollen Aufgaben, jede Menge Energie für wertschätzende Beziehungen und wenig Stress mit allen Sympathischen… love is all you need.