Das blaue Schild mit der Aufschrift „Vlatava“ leuchtet in der gleißenden Sonne dieses ungewöhnlich schwülen Frühlingstages. Während wir über die schmale Brücke und dann flussaufwärts das Moldau-Tal entlang fahren, lasse ich meine Blicke über die Wasseroberfläche wandern, wundere mich über abschnittsweise Wannenrand-artiges Ufergelände, sehe runde Steinbrocken groß im Flussbett liegen, als hätte sie ein Riesenkind beim Spielen achtlos ausgestreut und dort vergessen. Vertrocknetes Moos und kalkige Ränder geben Aufschluss darüber, wie tief der aktuelle Wasserstand ist, der an vielen Stellen auch ein Durchwandern der Moldau erlauben würde.

Wellen spielen
„Pah, ist das seicht! Vielleicht kommen wir mit dem Kanu gar nicht durch?“ frage ich ins Wageninnere und packe ein „eh besser!“ gleich hinten drauf sowie zum dritten Mal an diesem Tag die eindringliche Warnung vor einer herannahenden Gewitterfront. Die Antwort kommt nicht nur volley, sondern auch als hinterhältige Frage verkleidet – sie könnte aus dem Lehrbuch „Kommunikation für Anfänger, Teil 1“ stammen: „Warum magst du denn nicht Kanu fahren? Das ist doch wirklich toll und ich freu mich schon seit Tagen darauf! Seit wann magst du kein Wasser?“
Ich nutze die Gelegenheit, den Mund zu halten, würge das, was sich spontan ins Freie drängen will hinunter und schau mit einem stummen „wtf?!“ stirnrunzelnd zum Fenster raus. Während ich mich auf die Zugfahrt zurück in die Stille meines Single-Lebens zu freuen beginne, grummle ich nur: „Wasser ist mein Element!“ und lasse meine Gedanken von der Leine…

Warum man sich für ein unpraktisches Kleid entscheidet, wenn eine gute Fee keinerlei Einschränkungen hinsichtlich Geschenke-Erfüllung vorgibt, war mir schon als kleines Kind im wahrsten Sinne schleierhaft – meine Antwort auf „na, was würdest denn du dir wünschen?“ war kurz und bündig: „Kiemen!“. Schon als sehr Kleine konnte ich (danke Papa!) nicht nur pritscheln, sondern richtig gut und ausdauernd schwimmen, war meist mehr unter als über dem Wasser, stellte mich allen möglichen Reinspring-Mutproben und überlebte trotz allem auch die spätere Sturm- und Drangzeit, kurz: ich lieb(t)e und brauch(t)e regelmäßig Aufenthalt im und am Wasser! Bevorzugt in Naturgewässern, seit längerem schon ab einer Wassertemperatur von achtzehn Grad Minimum, damals waren noch fünfzehn ausreichend. So war ich seinerzeit rund um die Pfingstfeiertage nicht nur Stausee- sondern auch Kamp-kompatibel; an diesem trägen Fluss, im braunen, weil eisenhaltigen Wasser verbrachte ich viele Stunden an den Ferientagen meiner Kindheit.
Denn eigentlich ist mir das Kamptal in seiner rassigen Schönheit immer schon lieber gewesen als die affektierte Verwandte, die grell geschminkte Wachau… vielleicht spüre ich ja daher die eigentümliche Vertrautheit an diesem Fluss, an der Vlatava, also der Moldau?

im auto zur kanufahrt kopie

Kanu fahren ab Rozmberk

Rumpeldipumpel, mich schüttelt's ins Hier und Jetzt, als wir die Baustellen passieren und über die aufgerissene Straße fahren. Im nächsten Moment schiebt sich hinter der Flussbiegung die weitläufige Burganlage von Rozmberk in die Landschaftskulisse, unten am Ufer sind in bunt durcheinander gewürfelter Reihenfolge rote Boote, grellgrüne Kanus, Alltag-farbene Autos, blasse Menschen im Neon-Sportpolyester aufgefädelt.
Der Fahrer springt aus dem Auto und eilt zur Verleih-Station (ingetours.cz), wir trotten hinter ihm her und ich frage meinen Reisekumpan ganz beiläufig, ob das hier die Kanu-Menschen seines Vertrauens wären. „Wie kommst drauf? Ich war ja noch nie Kanu fahren!“ Er läuft mit vollem Schwung in mich hinein, nachdem ich abrupt stehenbleibe, mich theatralisch zu ihm drehe und zeitgleich meine Augen zu Diamant-Fräsen mutieren, die ihm gleich in den Schädel schneiden…
Die jugendfreie Version dessen, was folgt, lautet sinngemäß, dass ich ab hier das Kommando übernehme, Zusatz „ohne Widerrede“. Ich reklamiere das Steuern als meinen „Job“, nicht, weil ich etwa Ahnung davon hätte, aber im Zweifel und vor allem, wenn es um mich geht, verlasse ich mich nur auf mich, auf meine intuitive Überlebensintelligenz – und weil ich gerne die Kontrolle habe. So werde ich auch über weite Teile der Strecke der „Antrieb“ sein und froh über jede Stunde Bizeps-, Schultergürtel- und Rückenmuskulatur-Training der vergangenen Jahre. Anstatt im schnittigen Sport-Kanu richte ich mich im breiten, behäbigen, von Rettungstrupps leicht auszumachenden, heiter-grünen Polyester-Boot im Kanu-Design ein.

Mein Vordermann ist beauftragt, mir die Sichtung allfälliger Hindernisse durchzugeben, da ich weder durch ihn hindurchschauen, noch über ihn drüberschauen kann. Nachdem ich seine Begeisterung für die ornithologische Vielfalt im Uferbereich grad gar nicht teilen kann, weil ich buchstäblich alle Hände voll zu tun habe, um die Ideallinie im meist zu seichten Flussbett zu halten, kommt's, wie's kommen muss: Just in dem Abschnitt, wo ausreichend Wasser fließt, sodass sogar ein wenig Strömung entsteht, stellt sich ein mittelgroßer Stein schneller in die Fahrtrinne, als ich ihn überrascht erstens wahrnehmen und zweitens rechtzeitig ein Ausweichmanöver abschließen kann. Der Kollege nutzt seine Mitfahrgelegenheit verzögert, stößt sein Paddel erschreckt ins Wasser, verliert dabei das Gleichgewicht, mein Dagegenlehnen ist gewichtsmäßig unterlegen, das Kanu kippt mit ihm gegen die Fließrichtung. Der Fluss folgt der Einladung und kommt auch gleich ins Boot… wir kentern nicht wirklich, aber verkeilen uns halb im Wasser liegend, in Salvador Dali-inspirierter Haltung aus dem Boot hängend gegen den Felsen.

Ich strecke mich instinktiv durch, umklammere mein Paddel, schnappe seines im letzten Moment, das eben an mir vorbeitreibt, spinnenartig stakse ich ein Bein ins Wasser, bohre den Fuß ins Flussbett, fixiere mit dem anderen dank angespanntem Wadl das Boot und fische die unhandliche Plastiktonne, die sich eben gemütlich schaukelnd dem Raub der Moldau hingibt.
„Hey!“ schneidet meine Stimme durch's Tal „ist nix passiert! Ich hab alles, hilf mir das Boot zu halten, damit's nicht wegtreibt!“ Und dann belle ich im Imperativ: „Nimm! Dreh's um! Schnell, mach schon! Da, ans Ufer!“ Dort will er mir lang und breit den Hergang erklären und dass er eigentlich ganz anders reagieren hätte wollen… meine Geduld ist anstatt der Tonne den Bach runter, ich herrsche ihn an, dass ich hier ganz sicher keine Grundsatz-Diskussionen im Konjunktiv führen werde und überhaupt, wenn meine Tant' ein Dingserl hätt', dann wäre sie mein Onkel… Fakt ist, dass wir patschnass sind in the middle of nowhere und wenn er noch einmal auf einen Eichelhäher zeigt, schlage ich ihm den Arm mit dem Paddel ab…

first aid tafel in krumau

Aus den Tiefen der Gewitterwolken, die sich in bedrohlichem Schwarz über uns zusammenrotten, löst sich grollender Donner, begleitet von Blitzen aus meinen Augen und der ebenso wenig damenhaften wie unmissverständlichen Aufforderung zum „endlich aunzahn“ und „zsammreissn, jetzt aber hopp hopp“. Ich wringe mein T-Shirt aus, ignoriere das Schmatzen meiner Turnschuhe, als ich die Füße gegen den Boden stemme, verkeile die Plastiktonne, in der fein verschraubt und wasserdicht Smartphone, Geldbörsen, Rucksäcke lagern, und stoße das Kanu hastig Richtung Flussmitte.
Schmollend bleibt er ungerührt und einer Bug-Statue gleich mit über den Knien abgelegtem Paddel sitzen, starrt über das Wasser. Ich finde schnell meinen Schlag-Rhythmus – nur für's Protokoll: Den des „Ruderns“! – packe kräftig zu und ziehe das Kanu zügig voran, meine Arme arbeiten verlässlich, meine Schenkel sind angespannt beschäftigt, mich in aufrechter Haltung im Boot zu fixieren, während meine Wut mit jedem Eintauchen ein wenig abnimmt; wenigstens wird mir langsam wieder warm. Ich grinse in mich hinein, weil mir die panische Szene von vorhin wieder einfällt, ihr Slapstick-Charakter und weil ich die Situation hier und jetzt einfach nur als paradox-schräg empfinde… die Heiterkeit verschwindet, als mir unvermittelt bewusst wird, dass ich eben ein altes Lebensmuster „nachstelle“: Ich rackere wie eine Verrückte, schaffe eh alles alleine, obwohl ich mit jemandem gemeinsam im Boot sitze, trotzdem ist es meine Arbeit und meine Aufgabe den Idealkurs und alles im Fluss zu halten… Ich stoße den Atem aus, denke mir, dass ich keine Zeit mehr habe für leere Kilometer in diesem Leben, und vor allem keine Lust mehr: „Fuck it!“
„Hast du was gesagt?“ tönt es von vorne.
„Ja!“ rufe ich und lache zynisch: „Du auf Wasserskiern und ich ruderte wie verrückt!“ zitiere ich den Uralt-Otto-Schmäh in verdrehtem Sinn.

moldaubrucke in zaton

Wir gleiten an einer mitten im Fluss verankerten Party-Station vorbei – zwei fesche Mädls rufen uns freundlich „Ahoi!“ zu und fragen auf Englisch, ob wir nicht Lust auf einen Drink, zum Beispiel einen Mojito hätten. Ich halte am diktatorischen Imperativ fest und entscheide wenig basisdemokratisch im Alleingang für Enthaltung, höre von vorne, dass das ja wohl das Motto unseres Ausflugs wäre. „Sei froh, dass wir wirklich und schon so lange befreundet sind… bleibt dir viel erspart…!“ raune ich ihm bedeutungsvoll zu, während ich an „den Einen“ denke; plötzlich ist er wieder da, mein Herzschmerz und die Sehnsucht nach diesem speziellen Menschen in meinem Leben, mit dem ich auch eine Weltumrundung im Boot wagen würde. Wie war das eben mit den leeren Kilometern?

Ein krachender Donnerschlag verjagt meine heimlichen Tränen. Als die ersten Regentropfen schwer auf der Kermit-grünen Polyester-Hülle zerplatzen, erhöhe ich das Tempo. Meine Muskeln schmerzen, ich rufe mich zur Ordnung und zum Durchhalten, denn schon kann ich endlich von weitem die Brücke zum Hotel als dünne Linie über der Moldau ausmachen.
Als ich zu guter Letzt das Kanu-Rückgabe-Ufer ansteuere und das Boot mit einem Knirschen auf dem Sand auflauft, bricht sich Ende Frühling das erste Sommergewitter des Jahres Bahn. Ich springe raus in den Schlamm, reiße meine Sachen an mich, rasch drehen wir das Kanu auf den Bauch, er nestelt noch herum, als der Himmel längst keine Zurückhaltung mehr kennt und alle Schleusen öffnet. Meine Geduld ist aufgebraucht, ich haste den glitschigen Weg rauf und trabe los, quer durch die Wiese Richtung Hotel, ohne mich umzudrehen, sprinte geradewegs zum Hallenbad und geniesse wenige Minuten später erst eine heisse Dusche, dann das Eintauchen ins wohlig warme Nass des Pools.

Derweil der Wind den Regen an die Glasfront peitscht, tauche ich unter: Wie ich es liebe im und am Wasser zu sein! Und dann grinse ich meinen Bootskameraden kumpelhaft an und bedanke mich nochmals, dass er mich mitgenommen hat zur Abenteuerreise in diese wunderbare Gegend. Sein Lächeln ist ein ehrliches. Mit einem erleichterten „passt!“ strahle ich ihn an. Freundschaft ist schon was Feines.